„Glück ist...“ – Umfrage an einer Berliner Gesamtschule (1)

„Glück ist...“ – Umfrage an einer Berliner Gesamtschule (1)
In zwei Folgen berichten wir von einer Umfrage an einer Berliner Gesamtschule zum Thema "Glück". Zunächst wird der Begriff "Glück" in seinen verschiedenen Ausprägungen erläutert. In der zweiten Folge werden Methode, Ergebnisse und Diskussion der Untersuchung dargestellt.
von Dieter Hentschel / Ralf Kennis / Josef Bordat
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1. Theoretische Vorbemerkungen

Der Umstand, dass ein Begriff desto klarer wird, je häufiger er im Alltag Verwendung findet, trifft auf den Begriff „Glück“ nicht zu. Folgt man dem Gebrauch des Begriffs in unterschiedlichen Medien, dann scheint „Glück“ je nach dem darin zu bestehen, ein Kind zu bekommen, zu meditieren, beruflich erfolgreich zu sein, im Lotto zu gewinnen, soziale Anerkennung zu erfahren, eine schlimme Krankheit überstanden zu haben, einen „Oscar“ verliehen zu bekommen, einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben, ein Haus zu bauen, eine Partnerschaft einzugehen, auf einer Insel namens Vanuatu zu leben[1], mit einem bestimmten Reiseveranstalter in Urlaub zu fahren oder ein bestimmtes Paar Schuhe zu tragen. Man ist gerade ob des Überangebots von vorgeblich glücksstiftenden Phänomenen einigermaßen ratlos.
Zusätzliche Brisanz offenbart sich mit der Einsicht in die besondere Paradoxie des Glücksbegriffs: Die Frage nach dem Glück ist eine Frage, die man beantworten muss, auch wenn man sie nicht stellen will. Mit jeder Handlung gibt man Auskunft über sein Glücksverständnis. Dabei bleiben die Antworten individualistisch, subjektivistisch und kontextabhängig; eine Objektivierung scheint unmöglich, da der Glücksbegriff hinsichtlich seiner Theoriefähigkeit umstritten ist, weil er „einerseits zu vage und andererseits zu anspruchsvoll [erscheint], um sich mit philosophischen Mitteln diskutieren zu lassen“[2].
Glück ist also ein einfaches und zugleich schwieriges Konzept. Einfach, weil jeder Mensch unmittelbar einen Begriff vom Glück hat, ohne zuvor viel darüber erfahren zu müssen, was es mit dem Konzept in Geschichte und Gegenwart auf sich hat. Glück ist voraussetzungslos und universell erkennbar. Schwierig, weil damit eine heterogene Beurteilung des Konzepts verbunden zu sein scheint („Jeder hat ihr/sein Glück, weil Menschen nun mal verschieden sind.“), die auch bei anderen universellen Kernkonzepten der menschlichen Kultur so viele Schwierigkeiten macht (Schönheit, Freiheit, Gerechtigkeit...).
Ferner haftet dem Glück eine eigentümliche Letztlichkeit an, die eine Einordnung ins kausale Denken schwer macht, das gewohnt ist, im Ursache-Folge-Schema voranzuschreiten. Glück ist aber kein Zwischenglied, das sich in Kausalketten einbauen lässt. Von Glück kann man nichts mehr haben, wie Robert Spaemann im Anschluss an Aristoteles betont. Glück hat nur die Folge, glücklich zu machen, ohne dabei als Ursache des Zustands „glücklich“ gelten zu können, denn sonst bliebe das Glück unerreichbar und könnte nicht Gegenstand philosophischer Reflexion sein. Doch: Es soll (und kann) sehr wohl operationalisiert werden, auch wenn die angebotenen Definitionen nicht von allen akzeptiert werden (was schon durch die Tatsache belegt wird, dass es verschiedene Definitionen gibt!).
Einig ist man sich jedoch, dass das Glück „von innen“ her als eine Art Integrität gedacht werden muss und insoweit mit dem Gefühl, Vernunft und Willen korrespondiert, wobei die Manifestation des personalen Wollens an die äußeren Bedingungen des Lebensvollzugs gebunden werden muss, damit sie eine wirklich glückliche wird.
Ursache ist hier also einerseits das autonome Selbst, andererseits die heteronome Wirklichkeit. Hier tut sich eine Spannung auf. In der Tat: Glück als Übereinstimmung von indikativischer und imperativer Bestimmtheit des Selbst erfährt eine ethische Relevanz dadurch, dass das Glücksstreben als anthropologische Konstante angesehen werden muss und dabei als ein solcher „Zwang“ moralischen Imperativen zuwider läuft (etwa „gutes Leben“ vs. „gerechtes Leben“, aristotelische eudaimonia vs. kantische Pflicht). Unterstellt wird häufig, dass nur die Beachtung beider Seiten – meiner psychischen Konstellation (gut) und der Belange Dritter (gerecht) – zu einem glücklichen Leben führen können, wobei das aber wiederum vom Selbstbild abhängt, denn die Fähigkeit zur Empathie als Voraussetzung für Aufmerksamkeit und das Registrieren des Anderen als „von Belang“ kann sowohl als integraler Bestandteil des Selbstbildes und damit unerlässliche Bemessungsgrundlage des Verhaltens erscheinen (Selbstbild des Christen) oder schlicht ganz oder teilweise fehlen (Selbstbild des Drogendealers).
Ein idealtypischer Christ kann nur glücklich sein, wenn er dem Anderen nicht schadet; für den idealtypischen Drogendealer spielt der Nutzen bzw. Schaden des Anderen keine glückskonstituierende Rolle. Die Verbindung von individuellen Glück und gemeinschaftlicher Gebotsorientierung ist das zutiefst christliche Moment einer Ethik, die Streben und Sollen vereint. Verdeutlicht hat dies Thomas von Aquin, der die „Freiheit zum Guten“ und die Glückseligkeit zusammenbringt, indem er die aristotelische Verbindung von Glück und Moral anthropologisch begründet: Das Streben nach dem Glück und dem Guten sind verschiedene Ausdrücke der einen menschlichen Natur.
Das natürliche Sittengesetz ist somit ein inneres, es ist dem Menschen in Herz und Verstand geschrieben, auch wenn es sich in äußerer Gebotsform ausdrücken lässt, wie etwa in der Goldenen Regel. Die Natur des Menschen „weckt die Tugenden" und liefert damit die Bedingung der Einsichtsmöglichkeit in die Gültigkeit der Regel, die nicht vermittelt, gelernt und befolgt werden könnte, wenn nicht im Menschen die entscheidende Triebkraft ihrer Anerkennung läge. Die anthropologische Betrachtung und die Bewusstmachung, was der Mensch ist, geht damit der Ethik voraus, so wie die Goldene Regel nur verstanden werden kann, wenn das Wesen des Menschen als „Freiheit zum Guten“ erkannt wird.[3]
Das Streben nach Glück und das Vollziehen des Guten stehen also nicht im Widerspruch zueinander, vielmehr bedingen sie sich als Aspekte der menschlichen Natur, die gleichermaßen gefördert werden sollen. Hier kommt die Pädagogik ins Spiel: Die Kongruenz von Selbstbild und Verhalten, die letztlich das Glück ausmacht, impliziert, dass mit dem (richtigen) Selbstbild das (gute) Verhalten prädeterminiert werden kann, wobei das Selbstbild wiederum über die Erziehung beeinflussbar ist.
So ergibt sich eine Möglichkeit für die Pädagogik, moralisches Verhalten anzuregen, und zwar nicht allein über heteronome Autorität, sondern über den Umweg der Selbstbildprägung durch Anleitung zur Selbstreflexion, gewiss nach dem Selbstbild, dass der Pädagoge für das „richtige“ hält. Hier sind wir uns aber einig und sagen: Wir wollen zu guten Christen (und guten Staatsbürgern) erziehen – und nicht zu guten Drogendealern.
Glücksbegriffe („Glück ist für mich...“) zeigen den Stand der Selbstreflexion an. So verweisen Aussagen über favorisierte Auswirkungen unmittelbar auf innere Einstellungen, Wünsche und Interessen, eben auf das Selbstbild, das es zu beeinflussen gilt. Profitiert wird dabei von der Autoreferentialität des Glücksbegriffs, der direkt auf das Selbstbild verweist („Glück ist, das zu tun und zu erreichen, was man tun und erreichen möchte, weil man meint, genau damit glücklich zu werden.“). Anders gesagt: Da Glück das Bestreben ist, glücklich zu werden, zeigt der materielle, oberflächliche Begriff vom Glück zugleich auch die immaterielle, subtile Interessens- und Strebenssphäre an, die es zu bestärken, zu hinterfragen oder zu verändern gilt. Und dies sei hiermit als die wichtigste Aufgabe der Werteerziehung markiert.
Fortsetzung folgt
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Anmerkungen
[1] Laut einer Studie der britischen Stiftung „New Economics Foundation (NEF)“ ist die Pazifik-Insel Vanuatu der glücklichste Ort der Welt, gefolgt von Kolumbien und Costa Rica. Der Inselbewohner Glück ließe sich dabei auf zwei Begriffe bringen: Bescheidenheit und Freiheit von Sorgen und Ängsten. Deutschland belegte übrigens Rang 81, Österreich landete immerhin auf Rang 71 (vgl. NEF: The (Un)Happy Planet Index. An index of human well-being and environmental impact. London 2006, S. 57).
[2] Christoph Horn: „Glück / Wohlergehen“. In: M. Düwell et al. (Hg.): Handbuch Ethik. Stuttgart 2006, S. 382.
[3] Grundsätzlich sollte damit für die christliche Ethik und Moralpädagogik eine Rückbesinnung auf die aristotelisch-thomistische Tradition des Strebens nach Glück und dem Guten sowie eine Abkehr von pietistischer Gebotstreue angeregt werden.

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