Glaube und Vaterschaft

Glaube und Vaterschaft
In einer Zeit, in der Väter nur wenig oder gar keine Zeit mit ihren Kindern verbringen, ist es wichtig zu untersuchen, was gute Väter motiviert. Eine religiöse Bindung ist offensichtlich eine mögliche Antwort, aber was genau macht den Unterschied aus? Die amerikanischen Familienexperten Loren Marks und David Dollahite haben diese Frage wissenschaftlich untersucht, und in ganz Amerika 130 christliche, jüdische, muslimische und Mormonen-Familien beobachtet.
von Loren Marks und David Dollahite, aus dem Englischen übersetzt von Simone Rüssel
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Die Ergebnisse ihrer Untersuchung sind in dem neuen Buch: „Why Fathers Count: The Importance of Fathers and Their Involvement with Children“ (Warum Väter zählen: Die Wichtigkeit von Vätern und ihr Engagement für Kinder) veröffentlicht. In diesem Interview mit MercatorNet stellt Prof. Marks den Einfluss des Glaubens auf die Haltung des Vaters dar.
MercatorNet (MN): Hat Religion einen guten Einfluss auf Väter? Was ist der Schlüssel zu diesem Einfluss?
Loren Marks: Sowohl unsere als auch frühere Untersuchungen haben ergeben, dass religiöses Engagement einen positiven Einfluss auf die Vater-Kind Beziehung hat. Es spielen dabei verschiedene Faktoren zusammen. Ich nenne hier beispielhaft drei von vielen weiteren: Erstens, verheiratete Paare, die den gleichen Glauben praktizieren, führen in der Regel sicherere und glücklichere Ehen, was wiederum positiv die Vater-Kind-Beziehung beeinflusst. Zweitens, religiöse Väter neigen weit weniger zu Alkohol- und Drogenmissbrauch als Väter ohne religiösen Hintergrund, und ca. 80 % der Fälle von Kindesmissbrauch geht auf übermäßigen Genuss von Alkohol zurück. Drittens, viele religiöse Gemeinschaften lehren, dass die Väter persönlich vor Gott Rechenschaft ablegen müssen, ob sie gute (oder schlechte) Väter waren. Dies kann ein übernatürlicher Grund sein, ein besserer Vater werden zu wollen.
MN: Welche praktischen Hilfen geben Glaubensgemeinschaften den Vätern?
Marks: Wenn sich die Väter religiös engagieren, sind sie eingebunden in eine größere Glaubensgemeinschaft, die von ihnen erwartet, gute Väter zu sein. Glaubensgemeinschaften geben Vätern (sowie Müttern und Kindern) etwas, das heute selten geworden ist in der Gesellschaft – enge Verbindungen und positive Vorbilder, die ermutigen, Rat geben, führen und „einfach da sein“ können. Viele gläubige Väter, die wir interviewt haben, sagten, dass ihre Glaubensgemeinschaft ihre „kirchliche Familie“ sei.
MN: Abgesehen von den geistigen Vorteilen, hat ihre Studie auch ergeben, dass die Glaubenspraxis wie z. B. das Gebet und religiöse Familientraditionen auch praktische Vorteile für die Familie bringen. Können Sie dazu etwas sagen?
Marks: Das Tempo in unserer Welt nimmt stetig zu und dies kann schwerwiegende Folgen für die Familien haben, weil Schnelllebigkeit nicht gerade förderlich ist für die Entdeckung eines tieferen Sinns, für Beziehungen oder für die Besinnung auf die Übernatürlichkeit der Familie und auf Gott. Familien, die religiöse Rituale leben, geben ihren Kindern die Botschaft mit, dass es eine Dimension im Leben gibt, die wichtiger ist als „die Welt“. Sie machen deutlich, dass Familie es Wert ist, diesem Tempo in der Welt Einhalt zu gebieten. Viele Familien, mit denen wir gesprochen haben, bestätigen, dass diese „heilige Zeit“ in der Familie umso wichtiger wird, je verrückter und fanatischer der allgemeine Lebensstil wird.
MN: Gibt es auch weltliche Institutionen, die diese Dinge für Väter anbieten?
Marks: Starke Glaubensgemeinschaften haben mindestens zwei Kernpunkte, die von weltlichen Institutionen kaum bieten können: Erstens, die Hinwendung zum Heiligen und in manchen Fällen das Zustandekommen einer Art Verbindung zu Gott, die stark genug ist, das eigene Verhalten zu beeinflussen; und zweitens, die Art und Weise den Alltag und das Leben zu gestalten, bietet viele Möglichkeiten für beständige und sinnstiftende Aktionen über Generationen hinweg. Selbst sehr gute weltliche Organisationen haben Schwierigkeiten, diese beiden Vorteile zu bieten, auch wenn sie viele andere Leistungen und Hilfestellungen geben können.
MN: Ihre Studie konzentriert sich auf die Gemeinsamkeiten bei den verschiedenen Religionen. Gibt es auch nennenswerte Unterschiede?
Marks: Ja, es gibt einige, aber die Ähnlichkeiten überwiegen. Die Unterschiede lagen in der Lehre oder in der Art und Ausdrucksform der Praxis. Die zentralen, religiösen Beweggründe und Bedeutungen hinter dieser Praxis waren in sehr religiösen Familien des Christen- und Judentums sowie des Islams sehr ähnlich. In diesen Familien stehen Glaube und Familie über allem anderen und sie versuchen diese beiden in Einklang zu bringen.
MN: Was können religiöse Gemeinschaften für Kinder tun, die entweder keinen Vater oder einen Vater haben, der keine Zeit für sie hat?
Marks: Sie können diesen vaterlosen Kindern einen „geistigen“ Vater geben. Ein junger Mann oder eine junge Frau ohne verantwortungsvollen biologischen Vater muss erfahren können, dass es einen anderen, besseren und fruchtbaren Weg zu leben gibt. Das geschieht nicht durch reden, sondern viel eher durch die persönliche Beziehung zu einem verantwortungsvollen und kompetenten Mann, der immer für diese Kinder da ist. Selbst viele Jugendliche, mit denen wir gesprochen haben und die engagierte Väter haben, bestätigten, dass sie von einem zusätzlichen „geistigen Vater“ oder Mentor profitiert haben.
Loren Marks ist Lehrbeauftragter an der School of Human Ecology der staatlichen Universität von Louisiana. Sein Studienschwerpunkt ist: Wie beeinflusst religiöses Engagement das Familienleben?
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