Geschlecht, Schule und Bildung

Geschlecht, Schule und Bildung
Die Blockade gegen die Trennung von Mädchen und Jungen in ihrer schulischen Ausbildung ist nicht zu halten! - Die Fördergemeinschaft für Schulen in freier Trägerschaft möchte auf Wunsch von Eltern in Potsdam eine Schule aufbauen, die ausschließlich Jungen besuchen würden. Dagegen verschließt sich das zuständige Ministerium für Bildung, Jugend und Sport.
von Dr. Jürgen Fiedler
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Nun wird vor Gerichten gekämpft. Ineinander verschränkt werden schulrechtliche Grundsätze der Landesverfassung und Argumente aus der Geschlechterdebatte. Dabei soll eine umfangreiche Untersuchung einer Hamburger Professorin dem Land Brandenburg helfen, die Einrichtung der Schule in Potsdam ein für alle Male zu verhindern. In einer ersten Instanz wurde dem Schulträger schon insofern zugestimmt, als dass das verhandelnde Gericht nicht einsehen konnte, dass durch eine solche Einrichtung die Erziehungs- und Bildungsgrundsätze des Landes, zu denen auch Schulen in nichtstaatlicher Trägerschaft verpflichtet sind, ausgehebelt würden.
Die Argumentationskette des Landes Brandenburg bedient drei Ressentiments: zum einen den grundsätzlichen Vorbehalt gegen "Privatschulen", zum anderen den ideologischen Vorbehalt gegen katholische Bildungseinrichtungen, schließlich die unbewiesene Unterstellung, dass eine Schule, die nur von Jungen besucht wird, den Mädchen, denen der Besuch eben einer solchen Schule verwehrt wäre, Nachteile, Beeinträchtigung und Ungleichstellung brächte.
Zum letzten Vorbehalt ist auf die logische und sachliche Fehlerhaftigkeit der Implikation hinzuweisen. Damit, dass eine Bevorzugung von Jungen für einen bestimmten Schulbesuch vorgenommen wird, ist keineswegs notwendig die Benachteiligung von Mädchen verbunden. Diese Benachteiligung dürfte auch nicht nachweisbar sein; denn es stehen insbesondere Schulen in der staatlichen Trägerschaft offen für den Schulbesuch aller Kinder.
Vielmehr müsste eigentlich nachgewiesen werden, dass die schulische Separierung bei den Jungen selbst zu Störungen, Benachteilungen, Entwicklungshemmnissen führt. Diese Argumentationslinie wird allerdings vom Land Brandenburg überhaupt nicht verfolgt. Aus gutem Grund: Denn genau diese schädlichen Einflüsse sind nicht feststellbar. Für eine noch zu gründende Schule würden sie nur vermutungsweise(!) Argumentationskraft haben; und der Blick auf andere Schulen in nichtstaatlicher Trägerschaft, die sich der Separierung verpflichtet haben, zeigt das Gegenteil. Übrigens hat auch der Vertreter des Landes Brandenburg einen solchen Blick gewagt und konnte dabei keine ihm hilfreichen Hinweise finden.
Auch die Befragung von betroffenen Eltern hilft da überhaupt nicht: Eltern haben sich nach Abwägung von persönlichen Erziehungs- und Bildungsidealen für die separierte Beschulung ihrer Kinder entschieden. Damit kommt ein zentraler Gesichtspunkt zur Sprache: der Elternwille! In allen Debatten, die über die Jahre geführt wurden, hat sich die "Entscheidungskompetenz" der Eltern als stark lenkende Kraft bei der Ausgestaltung des Schulwesens erwiesen. Hier darf man dem Land Brandenburg Ignoranz vorwerfen. Wenn eine Gruppe von Eltern mit einem soliden Hintergrund (eingetragener Verein, Stiftung) den Wunsch hat, Jungen und Mädchen in einer besonderen Form unterrichten und bilden zu lassen, hat die staatliche Schulaufsicht nur eines zu prüfen: Besteht durch Separierung von schulischer Ausbildung Beschädigungsrisiko für diejenigen Kinder, die das besondere schulische Bildungsangebot nicht annehmen können? Und diese Frage ist - wie oben schon vermerkt - zu verneinen. Die Beweisstruktur ist eben fehlerhaft, wenn man sagt, dass Monoedukation geschlechtsbezogene Ungleichheit impliziert. Die Behauptung, dass ein Gymnasium für Jungen gegen das international anerkannte Diskriminierungsverbot von Frauen verstoße, ist falsch: Es fördert (vielleicht) Jungen in besonderer Weise; mit dieser Förderung ist allerdings die Beschädigung, Benachteilung, Diskriminierung der Mädchen nicht verbunden.
Doch weiter: Der Gesamtzweck der Schulausbildung sind das Erreichen von Abschlüssen, die weitergehende Ausbildungen ermöglichen, und die Entwicklungschancen für Schülerinnen und Schüler während der einzelnen Epochen ihres Schulbesuchs. Das sind die nüchtern zu betrachtenden Tatsachen. Wie dieser Gesamtzweck erreicht werden soll, kann nicht nur in der Entscheidungsgewalt einer staatlichen Schulaufsicht stehen, die in diesen Dingen sich zu oft totalitär aufführt. Der Elternwille muss - auf der Grundlage einschlägiger Erwägungen und Beratungen - immer wieder als hohes Gut frei entscheidender Bürger in den Vordergrund treten. Dabei wird das Grundrecht auf freie Entfaltung der Lebensentwürfe besonders beachtet werden müssen. Eltern müssen überhaupt nicht die anthropologische Modellbildung des neutralisierten, universellen Menschen akzeptieren. Gern wird dann - so auch das Land Brandenburg - auf völkerrechtliche Vereinbarungen und Forderungen rekurriert. Was sollen Eltern damit anfangen? Sie sind als erziehende, hegende und pflegende Eltern doch keinem Völkerrecht verpflichtet - sondern nur ihren Kindern und ihren Überzeugungen und Grundhaltungen.
Dass es sich bei dem Vorhaben in Potsdam um ein katholisch geprägtes Projekt handelt, scheint die Gegner vollends zu den Waffen greifen zu lassen. Dass allerdings der betroffene Schulträger schon seit mehr als 40 Jahren eine separierende Schule in Nordrhein Westfalen betreibt - mit großem Erfolg, mit zufriedenen Eltern, sogar als Europaschule ausgezeichnet - das wird ausgeblendet. Bleibt in allem eine Forderung an die staatlichen Schulaufsichten: Lasst die Schulen los, führt Aufsicht nach Maßgabe der Verfassungen und Schulgesetze! Fürchtet euch nicht vor freien Schulen in nichtstaatlicher Trägerschaft! Sie bereichern unser Leben und heben ein wenig die Monopolstellung des staatlichen Schulwesen auf. Und dies täte uns gut.
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