Gemeinschaftsschule für NRW

Gemeinschaftsschule für NRW
In einer Pressemeldung des Ministeriums für Schule und Weiterbildung NRW vom 20.9.2010 wird mitgeteilt, dass das Kabinett die Gemeinschaftsschule mit den von der Schulministerin Sylvia Löhrmann vorgelegten Eckpunkten gebilligt hat. Der Schulversuch Gemeinschaftsschule beginnt im nächsten Schuljahr und ist auf sechs Jahre angelegt. Wie werden die Kommunen, wie die Eltern auf dieses neue von der Landesregierung vorgelegte Projekt reagieren?
von Horst Hennert
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Eine Schule für alle?

NRW nimmt einen vorsichtigeren Anlauf als Hamburg, um eine neue Schule zu installieren. Nachdem in den 70er Jahren das Koop-Modell gescheitert und die Gesamtschulen sich nicht entscheidend durchgesetzt haben, sondern das Gymnasium sich immer noch höchsten Ansehens erfreut, wirbt jetzt die rot-grüne Landesregierung vor allem bei den ländlichen Kommunen damit, dass bei zurückgehender Schülerzahl die Gemeinschaftsschule „ein wohnortnahes umfassendes Schulangebot mit gymnasialen Standards vor Ort“ anbiete.
Gleichzeitig wird mit dem Unterricht „in integrierter Form“ auch der erste Schritt in Richtung sechsjähriger Grundschule mit dem Argument „längeres gemeinsames Lernen“ vollzogen. Dass auch das Abitur erst nach 9 Jahren erreicht werden kann, ist ein Zugeständnis an Eltern, die durch G8 verunsichert worden sind.
Das verlockende Angebot von zusätzlichen Vergünstigungen durch Stellenzuschläge und finanzielle Anreize wird bald dazu führen, dass viele Kommunen in den „Versuch“ eintreten, wobei sie keine andere Schulform gefährden dürfen, aber zugleich möglichst 4-zügig die Schule führen sollen. Das wird in ländlichen Gebieten notwendigerweise zur Aufgabe bestehender Schulformen führen, wobei zunächst der Hauptschule noch Artenschutz zugesichert wird.
Wie im einzelnen die verschiedenen Schulformen in dieser neuen Form geführt werden sollen, darüber ist noch nichts bekannt. Man darf gespannt sein, wie das gymnasiale Niveau an der Gemeinschaftsschule erhalten bleiben soll. Man darf auch gespannt sein, wie Eltern auf diese Schule reagieren, denn sie stimmen letztlich mit den Füßen ab.
Die Eckpunkte der Gemeinschaftsschule

Damit sich jeder selbst ein Bild über diese neue Schulform machen kann, seien hier die von der Schulministerin vorgelegten Eckpunkte aufgeführt:
1. In der Regel ist die Gemeinschaftsschule eine Schule der Sekundarstufe I, sie kann mit einer Primarstufe oder einer Sekundarstufe II verknüpft werden.
2. Sie wird in der Regel als gebundene Ganztagsschule geführt, ausnahmsweise können auch offene, flexible Ganztagsangebote eingerichtet werden.
3. Sie entsteht in der in der Regel durch die Zusammenführung bestehender Schulen.
4. Gemeinschaftsschulen bieten auch gymnasiale Standards an.
5. Der Unterricht erfolgt in Klassen 5 und 6 in integrierter Form.
6. Für die 7. Klasse oder später entscheiden die Schulen, ob die Kinder weiter gemeinsam oder nach schulformspezifischen Bildungsgängen getrennt unterrichtet werden.
7. In der Gemeinschaftsschule können alle für die Sekundarstufe I vorgesehenen Abschlüsse erreicht werden.
8. Gemeinschaftsschulen verfügen entweder über eine eigene gymnasiale Oberstufe oder sie kooperieren mit der Oberstufe einer anderen Gemeinschaftsschule, eines Gymnasiums, einer Gesamtschule oder eines Berufskollegs, sodass Eltern sowie Schülerinnen und Schüler sicher wissen, wo ihre Kinder bzw. sie selbst die allgemeine Hochschulreife erwerben können.
9. Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsschule erwerben das Abitur nach 9 Jahren (G 9); bei herausragenden Leistungen ist nach der Sekundarstufe I der direkte Übergang in die Qualifikationsphase möglich.
10. Für eine Gemeinschaftsschule sind vier Parallelklassen pro Jahrgang wünschenswert, mindestens erforderlich sind drei Parallelklassen.
11. Bei der Errichtung ist eine Mindestklassengröße von 23 Schülerinnen und Schüler vorgesehen. Der Klassenfrequenzhöchstwert beträgt für die integrative Form 25; in der kooperativen Form ab Klasse 7 zur Erreichung vertretbarer Klassengrößen 29. Der Klassenfrequenzrichtwert beträgt 24 Schülerinnen und Schüler. Diese Werte orientieren sich an denen der Hauptschule. Sie tragen der Heterogenität der Schülerschaft Rechnung und berücksichtigen, dass in der Gemeinschaftsschule unterschiedliche Schulformen zusammenwachsen.
12. Die Lehrkräfte haben unabhängig von ihrem Lehramt eine Pflichtstundenzahl von 25,5. Dies entspricht der Pflichtstundenzahl an der Gesamtschule und am Gymnasium.
13. Bis zu einem Drittel der Lehrkräfte sollen die Lehrbefähigung für das Gymnasium haben. Als Eingangsämter können der Gemeinschaftsschule A12-Stellen (gehobener Dienst) und A13-Stellen (höherer Dienst) zugewiesen werden.
14. Gemeinschaftsschulen erhalten einen Stellenzuschlag in Höhe von 0,5 Stunden je Klasse je Woche wegen des erhöhten Differenzierungs- und Förderbedarfs und einen Versuchszuschlag in Höhe von 0,5 Stellen pro Schule und Jahr wegen des erhöhten Schulentwicklungsaufwands. Dazu kommt ein zusätzliches Fortbildungsbudget in Höhe von 2.500 Euro pro Schule wegen des erhöhten Fortbildungsbedarfs.
15. Für einen Antrag auf die Teilnahme am Schulversuch ist eine aktuelle Schulentwicklungsplanung einschließlich vorangegangener Elternbeteiligung nötig. Die Schulentwicklungsplanung muss auch eine überregionale Abstimmung mit den Nachbarkommunen enthalten. Eine Gemeinschaftsschule kann nicht genehmigt werden, wenn eine Schule eines anderen Schulträgers dadurch in ihrem Bestand gefährdet wird. Regional abgestimmte Kooperationskonzepte verschiedener Schulträger sind möglich. In Ballungsgebieten beziehen sich die Gesamtkonzepte auf einzelne Stadtteile. Die Erreichbarkeit einer Hauptschule bzw. eines Hauptschulbildungsgangs in zumutbarer Entfernung muss gewährleistet sein.
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