Schluss mit dem Gejammer über das Elterndasein

Kindererziehung ist kein Sonntagsspaziergang. Doch wessen Schuld ist es eigentlich, wenn es nicht funktioniert? Alle Eltern fühlen sich gelegentlich überfordert; für viele ist Erziehung eben kein „Sonntagsspaziergang“ im Park. Populäre Blogs wie der Folgende sind da auch nicht hilfreich.

von Mariettte Ulrich ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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In ihrem Beitrag für die Sonntagsausgabe der New York Times „Frust des Elterndaseins“ schreibt Jennifer Conlin, die wieder in die USA zurückgekehrt ist, über die Schwierigkeiten, sich nach ihren Erfahrungen mit entspannteren Formen von Kindererziehung in Europa, wieder an amerikanische Verhältnisse gewöhnen zu müssen: „mit heftigen Anwandlungen von Nostalgie habe ich Pamela Druckerman’s Gedanken über die Gelassenheit der Erziehung in Frankreich in “Bringing Up Bébé” gelesen. Mein Sohn wurde vor 15 Jahren in Frankreich geboren, eine meiner Töchter vor 20 Jahren in England und ihre Schwester vor 16 Jahren in Belgien“.
Der ganz normale Wahnsinn?

Frau Conlins derzeitiger Tagesablauf gleicht dem vieler nordamerikanischer Eltern: „Unser ganzes Dasein dreht sich nur noch um die Aktivitäten der Kinder. An den letzten beiden Wochenenden nahm meine Tochter an drei Aufführungen eines Schul-Musicals teil, hatte Softball-Unterricht, musste zu einem Musikwettbewerb, (der um 12:30h endete, gefolgt von einer 40-minütigen Autofahrt zum Musical, das um 14:00h anfing) und nahm an den Endausscheidungen ihres Debattierclubs teil. Mein Sohn musste auch zum Musical, (er war als Beleuchter verpflichtet), hatte Baseball-Training und nahm an einer Wissenschafts-Olympiade teil, (wofür er morgens um 6:30h den Bus nehmen musste).
Auf den Sommer können wir uns nicht so recht freuen, unsere jährlichen Ferien im August mit den Verwandten müssen ausfallen, da für beide Kinder die Vorsaison für die Herbstmeisterschaften bereits Mitte August beginnt, was für meine Tochter jeweils morgens und nachmittags Trainingsstunden bedeutet. (Ich werde ihr wohl ein Lunchpaket mitgeben und sie über Mittag dort lassen).
Meine Ausgaben fürs Tanken sind wegen meiner Taxidienste astronomisch gewachsen, mein Bauch ebenfalls, da ich mich weniger bewege und mehr esse. (Wer hat schon Zeit fürs Kochen, wenn die Uhr zeigt, dass wieder jemand zu fahren ist). Von meinen Bedürfnissen als Erwachsener will ich gar nicht anfangen zu reden....“
Homeschooling als Lösung?

Ihr Beitrag bringt einige Dinge auf den Punkt. Ich habe zwar keine interkulturellen Erfahrungen von Erziehung, mit denen ich meine eigenen Beobachtungen bereichern könnte, doch kann ich ihr Familienleben nur schlecht mit dem meinen oder dem vieler meiner Bekannten vergleichen. Es gibt eigentlich keine Familien in unserer Bekanntschaft, die nicht gelegentlich klagen, dass sie zu viel um die Ohren haben, über die Maßen eingespannt, oder einfach bis zum Maximum beansprucht sind.
Dies waren zum großen Teil die Gründe, weshalb mein Mann und ich uns vor vielen Jahren entschieden haben, unsere Kinder zu Hause zu unterrichten. Sicher ist dies nicht das Heilmittel für alle Familien-Probleme der heutigen Zeit, doch hat es uns ein höheres Maß an Flexibilität und Herrschaft über unser Zeitbudget gebracht. Wir mussten auch die Zahl der außerschulischen Aktivitäten begrenzen, an denen unsere Kinder teilnehmen wollten. Einige dieser Entscheidungen waren zwangsläufig: wie in vielen Familien, ist auch unser verfügbares Einkommen begrenzt und wir leben in einer spärlich besiedelten Gegend, weshalb manche Aktivitäten einfach nicht angeboten werden. Im Übrigen verstehe ich nicht ganz, was mit dem Begriff „Bedürfnisse als Erwachsener“ gemeint ist.
Man sollte generell nicht Mutter werden, bevor man erwachsen ist, dann allerdings sind die folgenden Erziehungs-Jahre, notwendigerweise immer auf die Kinder bezogen. Es braucht einfach Zeit und Mühe, Kinder gut zu erziehen, um aus ihnen möglichst selbstbewusste, gesunde, vertrauensvolle, gut ausgebildete, anständige und arbeitswillige Menschen zu formen. Bemüht man sich ein wenig mehr, bleibt auch noch Zeit, dass sich die Ehefrauen gegenseitig unterstützen.
Der Schlüssel hierzu liegt in der Ausgewogenheit, was sich für die meisten Familien allerdings oft als schwierig herausstellt. Als Eltern muss man häufig Entscheidungen treffen. Eine ist, wie viel Zeit die Familie miteinander verbringen sollte und wie viel Zeit auf andere Aktivitäten verwendet werden kann. Dazu zählen nicht nur Sport, Kultur und Erholung, sondern auch freiwillige Dienste in der Gemeinde, wodurch Kindern deutlich wird, dass das Leben auch dazu da ist, denen zu helfen, die weniger Glück im Leben hatten.
Wie viel ist zu viel?

Manchmal frage ich mich, ob es wohl den normalen westlichen Eltern in den Sinn kommt, dass viele Aktivitäten, die wir für unverzichtbar halten, für Eltern in anderen Teilen der Welt, ja selbst in einem benachbarten Stadtteil, einen unerreichbaren Luxus darstellen, und dennoch ist jede Nation der Erde in der Lage, gut ausgebildete, kreative und zivilisierte Menschen hervorzubringen. Wie? Darüber werde ich bei Gelegenheit schreiben.
Viele nordamerikanische Eltern fühlen nicht nur den Wunsch, sondern geradezu einen Zwang, ihren Kindern ein möglichst breitgefächertes Angebot an Freizeitvergnügen und Aktivitäten zu ermöglichen. Die Angebote sind unüberschaubar: Musikunterricht (eines oder mehrere aus Hunderten unterschiedlicher Instrumente und Musikrichtungen; für Solo, Ensemble, Band, Orchester, Chor, oder als Kombination?); Sport: (Welchen? Wie viele Sportarten gleichzeitig? Leistungssport, oder nur zum Vergnügen?); Tanzen, Theater, Clubs, Hobbys. Multipliziert natürlich mit der Kinderzahl.
Die Extra-Zeit für Chauffeurdienste, Warten, Fund-Raising, applaudieren, Freiwilligendienste, Coaching, etc. muss man natürlich auch einbeziehen und mit der Kinderzahl multiplizieren. Und nun muss man sich nicht mehr wundern, dass keine Zeit mehr für die „Bedürfnisse als Erwachsener“ übrig bleibt.
Wie viel ist zu viel? Wo endet „Lebensbereicherung“ und wo beginnt das Regiment überambitionöser Eltern, einer Ballettmutti,oder eines ehrgeizigen Fußball-Vaters? Muss das Leben von Vorschulkindern so starr organisiert sein, dass sie Angstpsychosen entwickeln?
Wenn Kinder heranwachsen, entwickeln sie Fähigkeiten und Vorlieben, wie sie die Zeit nach dem Unterricht verbringen möchten. Die Aufgabe der Eltern ist zu wissen, wann es gilt zu ermutigen, nachzugeben, oder wann nein gesagt werden muss, zumindest aber, jetzt noch nicht. Am Ende liegt die Entscheidung auf jeden Fall bei den Eltern. Wenn nicht, müssen sie sich fragen, ob sie zum Chauffeur, Essensversorger und widerwilligem Financier degradiert werden wollen.
Das Familienleben bleibt auf der Strecke

Es gibt Familien, die nicht ein einziges Mal in der Woche gemeinsam essen, da Vater und Mutter jeden Abend in unterschiedliche Richtungen davonbrausen. Größere Familien sind sogar in drei oder vier Richtungen unterwegs, was nur funktioniert, wenn man Fahrgemeinschaften organisiert, bei denen Ein- und Ausstiegszeiten perfekt abgestimmt sind, oder, wie in unserer ländlichen Gegend, mehrere Autos und Teenager mit gültiger Fahrerlaubnis verfügbar sind.
Die Alternative ist, den Kindern klar zu machen, dass sie leider nicht alles tun können. Dies bedeutet keinesfalls Entzug, es ist einfach so. Niemand kann alles tun, oder alles haben, nicht einmal die, die alles Geld der Welt zu besitzen scheinen. Es ist ganz in Ordnung, Kindern zu sagen, dass sie die eine oder andere Aktivität aufgeben müssen, oder bis zum nächsten Jahr oder gar bis man erwachsen ist, warten müssen.
Viele Nordamerikaner sind jedoch nicht bereit, dies einzusehen. Sie wollen, dass ihre Kinder alles tun, alles spielen, alles lernen, alles ausprobieren. Und dann wundern sie sich, dass ihnen ihr Leben als unendliche Geschichte höllischer Erschöpfung vorkommt.
Ohne Prioritäten geht es nicht

Frau Conlin beklagt, und sie ist nicht die Einzige, dass sogar Sonntage nicht mehr Tage der Erholung in der Familie sind.
Als ich versuchte, andere Familien zu einem typisch englischen Sonntags-Lunch einzuladen - einer sehr entspannten Angelegenheit, die sich üblicherweise über den Nachmittag hinzieht, mit einer guten Flasche Wein, einem gehörigen Braten, gefolgt von Pudding und aufgelockert mit Brettspielen – konnte niemand kommen. Alle Kinder, einschließlich meiner eigenen, hatten irgendwelche Aktivitäten. So habe ich sie, wie üblich, durch die Gegend kutschiert und wenn sie hungrig waren, bei McDonald’s Drive-Through Essen gefasst.
Das Leben ist für viele Menschen belastend, doch wenn die Lasten als Konsequenz unserer eigenen Entscheidungen daherkommen, wird es Zeit, Dinge zu ändern, um wieder die Balance zu finden. Es geht darum, richtige Prioritäten zu setzen, die jede Familie für sich selbst entscheiden muss. Eltern müssen sich nur darüber im Klaren sein, dass jede Entscheidung auch Konsequenzen hat. Der Tag hat 24 Stunden, die Woche 7 Tage und es braucht etwa 18 Jahre, bis die Kinder ihr Nest verlassen. Wie viel Zeit davon wollen Sie im Auto, im Tanzstudio, auf dem Sportplatz, in der Turnhalle oder im Stadion verbringen, und wie viel Zeit mit erholsamen Spaziergängen im Park?
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Mariette Ulrich lebt im Westen Kanadas. Sie blogt bei Family Edge.
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