Mehr Babies in Deutschland: Zwischenhoch oder Trendwende?

von Stefan Fuchs
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Bekommen die Deutschen wieder mehr Kinder? Es ist jedenfalls eine erfreuliche Nachricht, die das Statistische Bundesamt dieser Tage mitzuteilen hatte: Mit rund 715.000 Geburten kamen 2014 rund 5% (33.000) Kinder mehr zur Welt als im Vorjahr. Nachdem die Geburtenzahlen jahrelang um etwa 670-680.000 herum stagnierten, überstiegen sie nun erstmals seit 2004 die 700.000-Marke (1). Zeigt die neue Familienpolitik, mit ihren Milliarden für Elterngeld und Krippenausbau nun endlich die Wirkungen, auf die man jahrelang vergeblich wartete?

Experten bleiben vorsichtig, denn die Geburtenzahlen hängen stark von der Zahl der Frauen im Alter von 26-35 Jahren ab. Diese Zahl war zuletzt recht stabil, in den letzten Jahren dürfte sie infolge der Migration wieder angestiegen sein (2). Diese könnte ein Grund für das Ansteigen der Geburtenzahlen sein; ob pro Frau wieder mehr Kinder geboren worden sind, lässt sich erst sagen, wenn die Geburtenraten (Total Fertility Rate/TFR) berechnet worden sind. Und auch mit der Geburtenrate ist es eine vertrackte Geschichte: Es handelt sich bei der TFR um eine statistische Maßzahl, die stark durch den Zeitpunkt von Geburten geprägt wird. Wenn viele Frauen gleichzeitig beginnen, ihre Familienplanung aufzuschieben und dadurch das Durchschnittsalter bei der Geburt erster Kinder stark steigt, dann sinken die Geburtenraten stark ab. Genau das ist in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung geschehen, als die Geburtenraten auf ein historisch beispiellos niedriges Niveau fielen. Der Grund dafür war, dass aufgrund der Verunsicherung durch den Systemwechsel die Familiengründung aufgeschoben wurde. Aufgeschoben bedeutete aber nicht aufgehoben: Viele Frauen holten die Geburt ihres ersten Kindes später nach, zweite Kinder wurden allerdings seltener. Aufgrund der nachgeholten Familiengründungen sind die Geburtenraten in den späten 1990er und 2000er Jahren wieder gestiegen. Trotzdem bleiben sie bis heute unter dem Niveau der DDR-Zeiten.

Schaut man sich nun an, wie viele Kinder bestimmte Frauenjahrgänge (1935, 1945, 1955, 1965) bekommen haben, dann zeigt sich in Ost- wie in Westdeutschland ein kontinuierlicher Rückgang der sog. „endgültigen Kinderzahlen“ (3). Das ist die Zahl der Kinder, die eine Frau bis zum 50. Lebensjahr zur Welt gebracht hat. Zur voraussichtlichen Entwicklung dieser Kinderzahl in den jüngeren Frauenjahrgängen gibt es in der Forschung unterschiedliche Ansichten: Manche meinen, dass der Rückgang gestoppt sei und jetzt eine Trendwende hin zu wieder höheren Kinderzahlen einsetze (4). Einen Grund dafür sehen sie darin, dass dank des Ausbaus der Kinderbetreuung der Anstieg der Kinderlosigkeit bei hochqualifizierten Frauen gebremst zu sein scheint (5). Selbst wenn sich dies bestätigen und noch fortsetzen würde und schließlich die Kinderlosigkeit nicht nur bei Akademikerinnen, sondern insgesamt wieder zurückginge, würde dies aber noch nicht für deutlich höhere Kinderzahlen ausreichen. Denn dafür wäre auch eine Zunahme zweiter und weiterer Geburten notwendig. Je später erste Kinder zur Welt kommen, desto unwahrscheinlicher werden weitere Geburten und desto seltener Familien mit drei und mehr Kindern (6). Dauerhaft höhere Kinderzahlen würden ein Ende des Trends zu immer späteren Geburten voraussetzen (7). In Frankreich scheint genau dies in den letzten zehn Jahren passiert zu sein: Das Alter von Müttern bei der Geburt erster Kinder ist zwischen 2004 und 2013 leicht gesunken, während es sonst überall in Europa gestiegen ist. Hier liegt ein entscheidender Grund für die bemerkenswert positive Geburtenentwicklung in dieser Zeit in Frankreich (8). In Deutschland ist aber die Zahl der Geburten jüngerer, unter 30-jähriger Frauen in diesem Zeitraum stetig zurückgegangen; während die Zahl der Geburten bei den über 30-jährigen Frauen stabil blieb (9). Dieses Auseinanderdriften der Geburtenentwicklung hat viel mit den Paarbeziehungen, den Ausbildungs- und Arbeitsmarktbedingungen zu tun, auch die Familienpolitik trägt eine Mitverantwortung: Sie fördert mit dem Elterngeld als Lohnersatzleistung einseitig beruflich etablierte Eltern, während sie jüngere, mithin meist finanziell schwächere Eltern zusätzlich benachteiligt (10). Hier müsste ein Umsteuern ansetzen, wenn die jungen Deutschen dauerhaft wieder mehr Kinder bekommen sollen.

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Anmerkungen

(1) Vgl.: Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung Nr. 302 vom 21.08.2015: Mehr Geburten und weniger Sterbefälle im Jahr 2014.

(2) Auf diesen Aspekt weist namentlich Herwig Birg hin. Vgl.: Julian Dorn: Ist das die Trendwende? Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.8.2015.

(3) Detailliert hierzu: Olga Pötsch: Wie wirkt sich der Geburtenaufschub auf die Kohortenfertilität in West und Ost aus? S. 87-101, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik, Februar 2013.

(4) Kritisch hierzu: Stefan Fuchs: Gesellschaft ohne Kinder, Wiesbaden 2014, S. 374-376.

(5) Charakteristisch für diese Argumentationslinie: Michaela Kreyenfeld: Was soll denn dieser Vereinbarkeitspessimismus? Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 08.08.2015.

(6) Vgl. Stefan Fuchs: Gesellschaft ohne Kinder, a.a.O., S. 285-288.

(7) Zu diesem Trend bezogen auf Deutschland: Immer spätere Familiengründung (Abbildung).

(8) Trend zu späterer Mutterschaft in Europa, Abbildung in: Der Preis des „digitalen Kapitalismus“: Immer spätere Elternschaft und damit immer weniger Kinder.

(9) Geburtenrückgang bei jüngeren Frauen (Abbildung).

(10) Vgl.: Elterngeld: Prämie für Geburtenaufschub (Abbildung).

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Abbildungen