Der Feminismus (6)

Der Feminismus (6)
Nach der statistischen Verteilung treten einige Begabungen häufiger bei Männern, andere eher bei Frauen auf. Doch sagt dies natürlich gar nichts über den einzelnen Mann oder die einzelne Frau. Wenn auch einige Eigenschaften besonders häufig bei Männern zu finden sind, so können sie im konkreten Fall natürlich bei einzelnen Frauen viel ausgeprägter sein, und umgekehrt. Denn jeder Mensch hat seine individuelle Eigenart und Anlage, und in dieser Anlage hat er die Befähigung zu künstlerischen, technischen, wissenschaftlichen, sozialen oder praktischen Tätigkeiten.
von Jutta Burggraf
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Das Spezifische der Frau
Beide Geschlechter sind grundsätzlich zu jeder körperlichen und geistigen Tätigkeit imstande, wenn auch einige den Frauen, andere den Männern im allgemeinen leichter fallen. Denn die geistigen Fähigkeiten - Intuition und Personbezogenheit auf der einen Seite, Objektivität und Universalität des Denkens und Planens auf der anderen - sind nicht je und je exklusiv auf Frau oder Mann verteilt. Sie sind ihnen nicht zuzuordnen in der Weise des Entweder-Oder, sondern des stärkeren Tendierens innerhalb einer gemeinsamen geistigen Ausstattung.
Man täte also Unrecht, wollte man gemäß der differentiellen Verteilung ein "Frauenbild" aufbauen, das dann ganz in der Linie der alten Klischees etwa lauten würde: Der Mann ist rational, aktiv, dominierend; die Frau ist sentimental, passiv, hingegeben. Auch die Frau beherrscht die komplizierteste Technik, und auch der Mann ist dazu bestimmt, sich in der Erziehung von Kindern zu verwirklichen, welche keine spezifisch weibliche Angelegenheit, sondern Sache der Liebe ist.
Gleiche geistige Fähigkeiten von Mann und Frau rechtfertigen den Anspruch der Frau auf öffentliche Verantwortung. Von seiten des Mannes wird hier ein echtes Annehmen-Können der Leistungen der Frau verlangt. Diese schmälern nicht seinen eigenen Wert, sondern heben den Wert des Menschseins. Besondere weibliche Züge, wie etwa der Wunsch zu vermitteln und Gegensätze auszugleichen, Einfühlungsvermögen und Taktgefühl, können zu jener Humanisierung der Arbeitswelt wirksam beitragen, die in unserer Zeit so dringend gefordert wird (und auch schon zu einem Schlagwort geworden ist).
Das Besondere von Frau und Mann ist sicher nicht in ihren je eigenen Talenten zu sehen. Das ihnen je Spezifische ist wohl am ehesten zu fassen in der Gabe zur Mutter- oder Vaterschaft. Nur der Mann kann Vater, nur die Frau kann Mutter sein. Doch auch wenn Mann und Frau gemeinsam beteiligt sind, wenn ein neues Leben entsteht, engagiert sich die Frau in der Elternschaft wesentlich mehr als der Mann. Dies kommt besonders im vorgeburtlichen Stadium zum Ausdruck, in dem eine Reihe der körperlichen und seelischen Energien der Frau von dem noch winzigen Kind absorbiert wird. Der Mann, obgleich er Vater ist, befindet sich immer "außerhalb" des Prozesses der Schwangerschaft und der Geburt und kann nur durch seine Frau daran teilhaben. Er trägt zur gemeinsamen Elternschaft zunächst viel weniger bei als die Frau; daher muß er sich bewußt sein, daß er seiner Frau gegenüber besondere Verpflichtungen hat. Papst Johannes Paul II. sagt sogar (in einem beachtenswerten Schreiben über die Würde der Frau), daß der Mann unter diesem Aspekt der "Schuldner" der Frau sei. Es geht darum, daß er sich seiner Frau gegenüber solidarisch zeigt, daß eine wirkliche Partnerschaft aufgebaut wird - und das bedeutet für die Eheleute: Vertrauen und lebendige Beziehung, Interesse aneinander und gemeinsames Lösen aller auftretenden Probleme in gemeinsamer Verantwortung.
Darüber hinaus ist die Mutterschaft aber nicht nur ein physiologischer Prozeß. Sie ist vielmehr eine Wirklichkeit, die das gesamte Sein und Verhalten der Frau von Grund auf erfaßt und auch der psychisch-physischen Struktur der Fraulichkeit entspricht. Durch die Mutterschaft hat die Frau eine sehr innerliche Verbindung mit dem Geheimnis des Lebens, das in ihrem Schoß reift. Dieser einzigartige Kontakt mit dem neuen Menschen schafft gleichzeitig eine Haltung gegenüber allen Menschen, die die Persönlichkeit der Frau zutiefst prägt. Allgemein drückt sich dies in ihrer natürlichen Neigung aus, in die interpersonalen Beziehungen das Konkret-Menschliche einzubringen.
Das bedeutet: Die Frau hat eine besondere Begabung, in der Masse den einzelnen zu erblicken und zu fördern. Sie hat besonderen Sinn für das Konkrete. Gott hat ihr "in einer besonderen Weise den Menschen anvertraut." (Das sagt Johannes Paul II. in dem schon erwähnten Schreiben über die Würde der Frau.)
Das Leben besteht ja nicht nur im Planen großartiger Projekte, sondern unaufhörlich in tausend Kleinigkeiten, ohne deren Bewältigung man oft auch nichts Großes leisten kann. Mancher Mensch käme sich in der Welt verloren vor, hätte er an seiner Seite nicht jemanden, der ihm hilft, sich in der "großen" Wirklichkeit zurechtzufinden. Die Frau hat nun eine besondere Begabung, das konkrete Leben zur Entfaltung zu bringen; und hier wird ihre besondere Berufung offenbar: Daß die Individualität nicht zugrunde geht im Allgemeinen, daß der gestreßte Mensch sich in einer Welt "kalter" Mechanismen und Apparaturen noch wohl fühlen kann, dies ist vor allem Auftrag und Leistung der Frau.
Natürlich ist keineswegs bewiesen, daß Frauen "automatisch" eine menschlichere Welt gestalten als Männer. Diese Welt kann sich letztlich nur ändern, wenn beide Geschlechter eine neue Kultur fördern, in welcher "Liebe", "Hingabe" und "Füreinander-Dasein" von neuem verstanden und gelebt werden, die aber durch den Einsatz der Frau wesentlich bereichert werden kann. Sicher hat sich auch der Mann um Menschlichkeit zu bemühen. Da er von Natur her aber eine größere Distanz zum Leben hat, kann er hier von der Frau viel lernen. Dies gilt vor allem auch für seine Vaterschaft und betrifft in besonderem Maße die Zeit nach der Geburt.
(wird fortgesetzt)
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Jutta Burggraf ist Dr.päd. und Dr. theol., Autorin zahlreicher Bücher und lehrt als Professorin für Systematische Theologie an der Universität von Navarra in Pamplona. Ihre email ist: jburggraf@unav.es
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