Der Feminismus (4)

Der Feminismus (4)
Auf der Suche nach einer metaphysischen Begründung der feministischen Ideen entwickelte sich in der westlichen Welt auch die sogenannte "feministische Theologie". Der Begriff "feminist theology" entstand um das Jahr 1970 in den USA und meint zunächst eine Theologie, die von Feministinnen formuliert wird.
von Jutta Burggraf
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Der Feminismus

Die feministische Theologie
Kritische Frauen wollen aus ihren eigenen Erfahrungen heraus neu über ihre Beziehung zu Gott, Welt und Mensch sprechen; sie wollen vielfach vergessene und verdrängte weibliche Werte wieder bewußt machen und sie der "patriarchalisch geprägten" Tradition entgegenstellen. Inzwischen wird die feministische Theologie überall in Europa betrieben. Das Spektrum ist sehr vielgestaltig; es reicht von eher gemäßigten bis hin zu radikalen Zirkeln.
Nach eigenen Aussagen steht die feministische Theologie mit der "Theologie der Befreiung" und der sogenannten "schwarzen Theologie" in engem Zusammenhang. All diese sog. "Genitivtheologien" (der Schwarzen, der Frauen) können als gewisse Reaktionen auf vorhandene Mißstände angesehen werden. Sie wollen die Erfahrungen von Leiden und Kampf theologisch thematisieren. Ihnen ist gemeinsam, daß sie eine bestimmte Bevölkerungsgruppe - seien es die Armen, die Farbigen oder die Frauen - aus ihrer benachteiligten Stellung befreien wollen. Die Frage, wie dies geschehen könne, wird zum zentralen Ausgangspunkt ihres ganzen Entwurfes gemacht. Gott wird mit den Merkmalen der jeweils "Unterdrückten" versehen und als ihr besonderer Anwalt hingestellt. In diesem Zusammenhang fällt manchmal der provokatorische Satz: "God is she and black"- "Gott ist weiblich und schwarz".
Feministische Theologie beinhaltet eine grundlegende Kritik an der sog. Männerkirche und nimmt den Kampf für deren Veränderung auf. Die Feministinnen setzen sich dafür ein, daß alle Machtverhältnisse zerstört werden und eine demokratische "Kirche der Schwesterlichkeit" entstehe. In diesem Zusammenhang nimmt man natürlich besonderen Anstoß daran, daß Frauen keine kirchlichen Ämter bekleiden können. (Die Theologin Elge Sorge hat vor einigen Jahren aus Protest ihre eigene "Hexenkirche" gegründet.)
Mit der Forderung nach einem revolutionären Reformprogramm dringt der Feminismus in Kirche und Theologie ein, wo er tatsächlich ständig an Einfluß gewinnt. Es gibt immer mehr Themen-Gottesdienste, Kurse und Organe kirchlicher Frauenwerke, Bildungsstätten, kirchliche Akademien und auch Hochschulen, die von feministischen Theorien geprägt sind.
Die ersten theologischen Veröffentlichungen erschienen ab Mitte der 70er Jahre in den USA. Schon in ihren Titeln kommt die Absicht klar zum Ausdruck. Einige dieser Schriften sind z.B.:
- "Jenseits von Gott Vater, Sohn und Co.", von Mary Daly, (Original: Boston, 1973) deutsche Übersetzung: München 1980, 2.Aufl. bereits 1982 - Mary Daly wird als "Ziehmutter" fast aller europäischer Feministinnen bezeichnet. Sie fordert den "Exorzismus" des die Frau innerlich belastenden Vater-Gottes.
- "Freiheit - Gleichheit - Schwesterlichkeit", von Elisabeth Moltmann-Wendel, München 1977. Moltmann-Wendel gilt als führende feministische Theologin in Mitteleuropa.
- "Gott hat nicht nur starke Söhne", von Catherina Halkes, Gütersloh 1980, 3.Aufl. 1982. 1977 wurde Halkes Dozentin für Feminismus und Christentum an der Theologischen Fakultät Nijmwegen, in Holland. (Sie ist inzwischen emeritiert.)
Methoden und Hauptgedanken der Theophantasie
Die systematischen Voraussetzungen und Methoden der feministischen Theologie sind nicht leicht zu fassen. Die Feministinnen weigern sich nämlich, sich auf eine Linie festlegen zu lassen. Sie begeben sich außerhalb der wissenschaftlichen Theologie, die für sie durch starre Begriffe und Systembildungen gekennzeichnet ist. Solche Art, Theologie zu betreiben, sei charakteristisch für den Mann. Alle bisherigen Werke großer Theologen werden als "patriarchalisch einseitig" abgelehnt: Denn sie seien ein Hindernis für die Frauen, die Lebendigkeit ihres Glaubens zu erfahren.
Die Feministinnen wollen keine Theo - logie, sondern eine "Theo - phantasie", die suchend und spielerisch immer auf neue Entdeckungen hin unterwegs ist und die weibliche Erlebnisweise zum Maß aller Dinge erhebt. Gestützt und untermauert wird diese Forderung manchmal durch die Annahme, die Frau stünde von ihrem Wesen her mit dem Kosmos und damit auch mit dem Schöpfer in völligem Einklang. Sie habe eine größere "Naturnähe" als der Mann und damit auch eine größere Nähe zu Gott.
Natur und weibliche Erlebnisweise werden im Feminismus zu höchsten Werten. Träume werden - unter Berufung auf C.G.Jung - als Offenbarungsquellen bezeichnet. Daher kann alles beliebig einströmen, was Menschen in aller Welt, in allen Kulturen und Religionen je gefühlt, gedacht und ausgesprochen haben. So ist der Synkretismus denn auch ein charakteristisches Merkmal der feministischen Theologie: Über Naturschwärmerei gelangt man zur östlichen Mystik bis hin zu Dingen wie Magie, Astrologie und Zauberei; auch Evolutionstheorien und Tiefenpsychologien werden mit aufgenommen. Man führt Hexentänze auf, verehrt die "Mutter Erde" nach indianischer Art, treibt moderne Gruppendynamik und träumt von der Wiederherstellung alter matriarchalischer Kulturen mitsamt ihren Feiern und Ritualen. Mit Recht sagen einige Kritiker, z.B. Beyerhaus, daß durch den extremen Feminismus das Naturheidentum in die Kirche eingedrungen sei. Innerhalb ihrer Spiritualität entwickelt Mary Daly eine feministische "Schöpfungs-Bewegung", die - wie sie selbst sagt - im Dialog mit Küken, Affen, Hunden, Vögeln und Katzen entstand.
Die feministische Theologie kritisiert nicht nur die herkömmliche Theolgie als solche, sondern auch die Überlieferung der Offenbarung Gottes, da diese in der Hl. Schrift "von Männern in menschlicher Sprache" ausgedrückt und so durch kulturabhängige Bilder und Vorstellungen gefärbt sei. Die Hl. Schrift spielt demnach in der feministischen Theologie eine ambivalente Rolle. Einige stellen ihr sogenanntes "androzentrisches" Weltbild bis in die letzten Äußerungen hinein in Frage und lehnen sie schlicht ab. So sagt z.B. Catharina Halkes, die Bibel sei ein "garstiges Buch" für Frauen. Andere Feministinnen wollen die Hl.Schrift uminterpretieren oder sogar neu schreiben. Die Texte sollen "auf ihre wirkliche Aussageabsicht hin" geprüft werden. (Die Feministinnen sprechen von "wilder Exegese" oder auch von "Hexegese".) Die Frauengestalten des Alten und Neuen Testamentes (wie Judith, Esther, Debora, Magdalena, Martha und Maria) werden dabei zu Symbolen einer verkannten Revolution. Das Magnifikat Mariens wird zu einem Protestlied gegen alle Herrschenden und Reichen.
Die Feministinnen stellen nicht nur die Methoden, sondern auch den Inhalt der katholischen Theologie in Frage: Sie nehmen Ärgernis am Gottesbild des Christentums. In der traditionellen Lehre der Kirche handelt es sich - nach Christa Mulak - "um einen männlichen Gott, der von Männern und für Männer geschaffen ... wurde". Ähnlich meint Catharina Halkes: Für Frauen sind die maskulinen, patriarchalischen Gottesbilder von Übel.
Viele göttliche Namen und Eigenschaften werden als "heute unbrauchbar" entschieden abgelehnt, z.B. "Schöpfer", "Herrscher", "König", "Hirt". Sogar die Namen der göttlichen Personen erregen Anstoß. Viele Feministinnen ziehen es vor, von "Gott-Mutter" und "Gott-Tochter" zu sprechen. Unter Bezugnahme auf das Alte Testament, in welchem der Ausdruck für Geist (hebräisch "ruach") feminin ist, wird die dritte Person als weibliches Prinzip der Gottheit bezeichnet und manchmal "Heilige Geistin" genannt. Andere schlagen vor, von Gott als Vater-Mutter oder als Messias-Paar zu sprechen. Die süddeutsche Philosophin Heide Göttner Abendroth kommt zu dem Ergebnis, daß alle Gottheiten der patriarchalischen Religionen nichts anderes sind als Deformationen der "Dreifaltigen Göttin des Matriarchats": Herrscherin des Himmels, Schöpferin der Welt, Herrscherin der Unterwelt. Konsequenterweise sprechen einige Feministinnen auch von "Thealogie" oder "Theasophie".
Der theologische Feminismus befindet sich auf einer ständigen Suche nach neuen Namen und Prädikaten für Gott, oder aber er läßt sein Gottesbild bewußt in der Schwebe. Gott soll - so sagen einige - nicht auf ein bestimmtes "Geschlecht" festgelegt, sondern als neutrales Wesen gefaßt werden, als unpersönlicher Urgrund des Seins. Mary Daly z.B. möchte ihn als "prozeßhafte Lebensenergie" verstehen; Catharina Halkes sieht in ihm eine "Quelle von Unruhe und schöpferischem Chaos", die "zur Umgestaltung des Bestehenden" auffordert. Hier könnten sich wiederum Parallelen zur marxistischen Ideologie aufzeigen lassen.
Nach Ansicht der Feministinnen kann sich die Frau selbständig loslösen von dem, was sie in ihrer Entfaltung hemmt; sie kann alle in ihr schlummernden Möglichkeiten aus eigener Kraft verwirklichen. Ihre Befreiung geht ganz von ihr selbst aus. Der Frau werden fast grenzenlose Kräfte zugeschrieben, ihr Wesen wird in völliger Harmonie mit dem Kosmos gesehen. Es gibt keine Entzweiung und keine Sünde. Daher ist auch kein Erlöser notwendig. Der Kreuzestod Christi als Sühneopfer zur Tilgung der Schuld wird abgelehnt. Somit stellt sich die feministische Theologie als eine moderne Selbsterlösungslehre dar. Jesus - auch "Jesa Christa" genannt - ist nicht der Erretter, sondern das Urbild des "neuen Menschen".
Soweit die Thesen der feministischen Theologie. Ich habe bewußt einige extreme Formen genannt, um zu zeigen, wohin es führen kann, wenn man die Quellen der Offenbarung umdeutet oder ablehnt. Daneben existieren gemäßigte Formen in zahlreichen Schattierungen. In ihnen gibt es sicher eine ganze Reihe berechtigter Anliegen; doch man darf nicht übersehen, daß sie - losgelöst von der herkömmlichen Theologie - die Gefahr in sich bergen, ebenfalls radikal zu werden.
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Insgesamt führt uns die Bestandsaufnahme zu zwei Ergebnissen. Erstens sind Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen in der Menschheitsgeschichte immer wieder aufgetreten. Es fällt nicht schwer, Fakten und Zitate zusammenzutragen, die beweisen, wie oft Frauen gedemütigt, mißbraucht und verspottet wurden. Zweitens sind die Bestrebungen, diese Mißstände zu lösen, mit oft unterschiedlichsten Zielen verfolgt worden, wie an dem Gegensatz von gemäßigter Frauenbewegung und radikalem Feminismus oder auch der radikalen feministischen Theologie zu sehen ist. Nun stellt sich erneut die Frage nach dem richtigen Verständnis von Mann und Frau und ihrem Verhältnis zueinander. Und es ist zu vermuten, daß der christliche Glaube viel hierzu sagen kann - gerade wenn man bedenkt, in welch hohem Maße Christus selbst die Frau aufgewertet hat.
(wird fortgesetzt)
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Jutta Burggraf ist Dr.päd. und Dr. theol., Autorin zahlreicher Bücher und lehrt als Professorin für Systematische Theologie an der Universität von Navarra in Pamplona. Ihre email ist: jburggraf@unav.es
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