Der Feminismus (2)

Der Feminismus (2)
Man kann verstehen, daß es Frauen gab, die wegen der Mißachtung, die ihnen entgegengebracht wurde, erzürnt waren, protestierten und sich für das einsetzten, was sie immer klarer als ihre Rechte erkannten. Die Frauenrechtsbewegungen traten nachhaltig etwa seit 1789 auf, bezeichnenderweise gerade zur Zeit der Französischen Revolution. Sie sind eine Weiterführung der Forderung nach den Menschenrechten, die eben nicht nur für Männer gelten sollten.
von Jutta Burggraf
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Die Frauenrechtsbewegungen
Im September 1791 stellte Olympe Marie de Gouges den Bürgern ihre "Deklaration der Frauenrechte" vor, die der französischen Nationalversammlung zur Beschließung übergeben wurde. Hinter ihr standen viele in Frauenclubs organisierte Frauen. Sie definierten sich selbst als Menschen und Bürgerinnen und nannten ihre politischen und wirtschaftlichen Forderungen. Interessant ist beispielsweise der Artikel VII dieser Erklärung, in dem es heißt:
"Für Frauen gibt es keine Sonderrolle; sie werden verklagt, in Haft genommen und gehalten, wo immer es das Gesetz vorschreibt. Frauen unterstehen wie Männer den gleichen Strafgesetzen." Und Artikel X präzisiert noch: "Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen." Die Frauen wollten nicht länger unmündig sein. Sie zogen es vor, bestraft und sogar getötet zu werden, als für unfrei und nicht verantwortlich zu gelten.
Tatsächlich wurde Olympe de Gouges hingerichtet, und mit ihr viele andere namhafte Frauen. Die Frauenclubs wurden mit Gewalt aufgelöst, den Frauen das Versammeln bei Gefängnisstrafen verboten. Ihr Unternehmen schien zunächst gescheitert zu sein.
Doch die Frauen gaben nicht auf. In England engagierten sie sich in der sog. "Antisklavereibewegung" um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Sie gingen davon aus, daß ihnen ebenso wie den ehemaligen Sklaven das gleiche Wahl- und Bürgerrecht zustehe. In dem Philosophen und Ökonom John Stuart Mill (1806-1873) fanden sie einen brillanten Befürworter ihrer Ideen.
In Deutschland wurde die Frauenfrage vor allem zur Erziehungsfrage. Man erkannte immer mehr die Notwendigkeit, auch Mädchen auszubilden. Bildung ist ja nicht nur wichtig, um später in einem außerhäuslichen Beruf vorwärtszukommen, sondern auch, um die eigene Persönlichkeit voll zu entfalten. Wenn ein Mensch lernt, selbständig zu denken, lernt er auch immer mehr, innerlich frei und unabhängig von der öffentlichen Meinung und den Massenmedien zu sein; er wird geistig erwachsen und kann eher mit der eigenen Lebenssituation und mit persönlichen Stimmungen fertig werden.
Frauen wollten nicht länger besondere Betreuung und besondere Aufmerksamkeiten durch die Männer erfahren; sie erkannten ihr Recht auf eigene Bildung und Ausbildung. Theodor Gottlieb von Hippel (1741-1796), ein hoher Beamter und Schriftsteller aus dem Freundeskreis Kants, der sich für die öffentliche Gleichbehandlung der Frauen einsetzte, sagte während der damaligen Diskussionen: "Jemandem Güte erweisen, indem man ihm Gerechtigkeit entzieht, heißt: ein Naturgesetz mit Füßen treten."
Doch noch 1883 erklärte ein offizieller Erlaß, daß Mädchen zum wissenschaflichen Studium nicht fähig seien: "Das Regelrechte ist, daß Mädchen heiraten und ihre Bildung in der Ehe gewinnen; doch auch Schwestern, Töchter, Pflegerinnen werden durch Brüder, Väter, Kranke und Greise zu etwas gemacht, wenn sie diese Männer mit warmem Herzen bedienen."
Nichtsdestotrotz nahm die Frauenbewegung beständig zu. Es ist verständlich, daß sie immer polemischer wurde. Die Frauenrechtlerinnen erregten Aufsehen und Widerspruch; vielleicht übertrieben sie hier und da. Im Grunde aber setzten sie sich für etwas durchaus Legitimes ein: für die gleichen Rechte von Mann und Frau.
Hedwig Dohm (1833-1919), eine ihrer größten Vertreterinnen um die Jahrhundertwende, fragt sich, was wohl geschehen wäre, wenn Friedrich Schiller als "Friederike" zur Welt gekommen wäre. Wahrscheinlich hätten die Talente sich nicht oder nur sehr mühsam entfalten können! Für Hedwig Dohm ist die Frage, ob Frauen studieren dürfen, können oder sollen, genauso müßig wie jene andere: "Darf der Mensch seine Kräfte entwickeln? Soll er seine Beine zum Gehen benutzen?"
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schließlich wurden Frauen nach und nach in allen Ländern des europäischen Kontinents offiziell zum Abitur und zum Hochschulstudium zugelassen. In Italien erkämpfte Maria Montessori schon etwas früher das Medizinstudium für Frauen; sie erwarb dort als erste Frau 1896 den medizinischen Doktortitel.
Die politische und soziale Gleichberechtigung wurde weitgehend - zumindest dem Gesetz nach - in der westlichen Welt erreicht. Seit 1918 gibt es das Wahlrecht für Frauen in Deutschland, Österreich und England, allerdings erst seit 1945 in Spanien und seit 1971 in der Schweiz. Die Frauenrechtsbewegungen hatten somit in Europa ihre hauptsächlichen Ziele verwirklicht und lösten sich hier praktisch auf.
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Jutta Burggraf ist Dr.päd. und Dr. theol., Autorin zahlreicher Bücher und lehrt als Professorin für Systematische Theologie an der Universität von Navarra in Pamplona. Ihre email ist: jburggraf@unav.es
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