Was Familienmanagement bedeutet

von Martine Liminski
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Der bekannte Pädagoge und Erziehungsforscher Heinrich Pestalozzi hat seine Erkenntnisse einmal in den drei großen Z, wie er sagte, zusammengefasst. Sie lauten: Zärtlichkeit, Zuwendung, Zeit. In diesen drei „Z“ steckt in der Tat eine kleine summa paedagogica. Sie bezeichnen eine Haltung des Engagements und der inneren wie äußeren Verfügbarkeit. Sie machen ein viertes Z aus, das Zuhause. Und sie bedingen einander. Wer keine Zeit für die Erziehung hat, der kann sich faktisch nicht dem Kind zuwenden und ihm auch nicht die Zärtlichkeit und Liebe schenken, die es braucht. Vielleicht ist die Zeit sogar heute die wichtigste Größe unter diesen drei. Sie fehlt am meisten. Denn viele Eltern haben zwar den guten Willen, liebevoll zu sein und sich ihren Kindern zuzuwenden. Aber sie sind nicht da, oder ihnen wird die Zeit genommen, meistens von der Arbeit, manchmal auch vom Fernsehen.

Die gesellschaftliche Vorrangstellung der Erwerbsarbeit außer Haus ist kein Geheimnis. Sie hat damit zu tun, daß die eine Arbeit bezahlt wird, die andere nicht. Sie hat damit zu tun, daß man sich die eine Arbeit vorstellen kann, weil sie meist in meßbaren Funktionen und Produktionen geschieht, während man von der anderen nur eine blasse und meist falsche Vorstellung hat, weil man auch hier in Funktionen und Produktionen denken will, sprich Windelnwickeln, Wäschewaschen, Bügeln, Putzen, Kochen. An die weit wichtigeren Faktoren dieser Arbeit zuhause, nämlich die Gestaltung, Pflege und Entwicklung der personalen Beziehungen und überhaupt der Beziehungsfähigkeit, also das, was menschliche Erziehung ausmacht und deren „Produkt“ erwachsene, verantwortungsbewußte und nicht nur saubere und satte Menschen sind, an dieses Ziel des Managements der Beziehungen und Gefühle denkt man in unserer ökonomisierten und funktionalisierten Gesellschaft kaum. Das aber ist die Kernkompetenz des Familienmanagers, in dieser Funktion ist er nicht zu ersetzen.

Das Denken ist doch stärker von den Begriffen der öffentlichen Meinung, vom Primat der Wirtschaft geprägt, als man als einfacher Bürger glauben will. Wie oft haben wir das erfahren, zum Beispiel auf Cocktailparties mit Geschäftsleuten und Diplomaten. Beim Kennenlernen fragt man nach dem Identitätsmerkmal Nummer eins: Dem Beruf. Liebe Hausfrauen und Mütter, geben Sie sich einmal auf so einer Party der feinen Leute zu erkennen, indem Sie sagen, ich bin Hausfrau und Mutter. Das ist fast so, wie wenn Sie sagen würden, ich habe Lepra. Sie werden schnell erleben, wie einsam man in der Masse sein kann. Wir haben uns überlegt, daß das so nicht mehr weitergehen kann und bei der nächsten Party wurde ich wieder gefragt: „Und Sie, was machen Sie?“- „Ich bin mittelständische Unternehmerin.“ Es entspann sich ein interessiertes Gespräch. „Wieviele Mitarbeiter haben Sie?“ – „Zehn, gerade noch überschaubar.“ - „Ach, interessant, als Frau. Da haben Sie doch sicher manchmal Probleme bei der Durchsetzung Ihrer Pläne?“ - „Doch, gewiß, aber man muß eben auf jeden Mitarbeiter eingehen. Bei mir wird Mitbestimmung großgeschrieben. Das ist Management by everybody.“ - Sofort entwickelt sich ein Smalltalk, ein spannendes Gespräch über Unternehmensführung. Das Teilhaben, das Mitziehen, das Mittragen, das sollte jeden Mitarbeiter im Betrieb angehen. Entscheidungen fällen und Entscheidungen übernehmen heiße auch Gefühl für Verantwortung entwickeln. Natürlich jedem, wie er kann. Aber das gebe Motivation und fördere die Identifikation mit dem Unternehmen. Das schaffe Selbstwertgefühl und forme die Persönlichkeit. Was ich denn produziere, will man schließlich wissen. Die Antwort: „Humanvermögen“.

Die Verblüffung nach solch einem Gespräch (geführt Jahre vor einer Werbung mit ähnlichem Inhalt) ist erstaunlich. Dabei werden hier nur wirtschaftliche Begriffe auf eine Arbeit angewandt, die man freilich als Privatsache betrachtet. Und hier ist der Webfehler im heutigen sozialen Tuch, mit dem die Gesellschaft ihr Tischlein deckt. Erziehung ist keineswegs nur eine Privatsache. Von ihren Folgen, von der Erziehungsleistung, profitiert die Gesellschaft. Oder sie leidet darunter, wenn diese Arbeit nicht oder nur mangelhaft getan wird. Wenn Firmen heute einstellen, fragen sie nicht nur nach fachlicher Kompetenz, sondern vor allem nach sozialer Kompetenz, nach emotionaler Intelligenz, nach Teamfähigkeit, eben nach diesem Humanvermögen. Man darf sich fragen: Wer ist eigentlich stärker von wem abhängig, die Wirtschaft von der Familie oder die Familie von der Wirtschaft?

Die Familie ist der natürliche Ort der selbstlosen Liebe. Deshalb ist sie auch der gesunde Nährboden für die Sozialisierung der Person, der „geistige Schoß“ (Thomas von Aquin) des Menschen für das Hineingeborenwerden und Hineinwachsen in die Gesellschaft. Es ist der Ort der Solidarität, eine Chiffre der Soziologen für die Liebe. Die Manager dieser Solidarität sind zuerst die Eltern. Es ist in diesem Zusammenhang bezeichnend, daß - folgt man der wissenschaftlichen Literatur - „die Erzeugung solidarischen Verhaltens“ als ein Grund für den verfassungsrechtlichen Schutz der Familie genannt wird. Es sei eine Leistung, schreibt etwa der Nestor der Familienpolitik, Heinz Lampert, die in der Familie „in einer auf andere Weise nicht erreichbaren Effektivität und Qualität“ erbracht werde.

Was ist Familienmanagement? Man muß die ganze Realität, in der das Kind aufwächst, die Familie, die Beobachtung der Konkurrenz, der Miterzieher in Schule, Medien und auf der Straße, im Auge haben, nicht nur die eigenen vier Wände. Aus diesen Elementen ergibt sich eine Definition des Familienmanagements:

Familienmanagement ist die Fähigkeit, verschiedenste Forderungen und Ansprüche aus Haus und Umwelt zielgerichtet und personalbezogen zu bündeln, gedanklich zu verarbeiten, in Handlungsweisen zur Pflege von Beziehungen umzusetzen und dadurch Humankapital zu vermitteln und zu bilden.

Die Forderungen und Ansprüche an die Familienmanager bewegen sich auf drei Ebenen. Einer emotionalen, einer handwerklichen und einer kognitiven. Man muß Beziehungen managen können (emotionale Ebene), man muß kochen, putzen, waschen, bügeln und reparieren können (handwerkliche Ebene) und man muß, um die beiden vorherigen Ebenen sachgerecht im Griff zu haben, auch das entsprechende Know-how haben, man muß wissen, lernen und sich weiterbilden (kognitive Ebene). Am wichtigsten sind meiner Meinung nach die emotionale und die kognitive Ebenen. Sie sind personengebunden und können kaum delegiert werden. Die handwerkliche Ebene dagegen kann delegiert werden. Sie kann aber auch, und das wäre die Optimierung des Managements, als Instrument zur besseren Handhabung der beiden anderen Ebenen dienen. Kleine handwerkliche Dienste im Haus, Jobs oder Aufträge, sind Mittel der Erziehung. Über ihre Handhabung muß gesprochen werden. Das geschieht zum Beispiel im Familienrat. Eine Vorstufe dieses Rats ist die Werkbank, das Tischgespräch. Es ist eine Börse des Alltags, eine Schatzkammer der Erkenntnisse. Auf dieser Börse gibt es immer etwas zu gewinnen. Zum Beispiel können die Eltern meist en passant korrigierend ihre Meinung einbringen, ohne erhobene Zeigefinger, einfach als Broker. Dieser tägliche Börsentermin ist für das Unternehmen Familie wichtig. Er stärkt die Einheit der Familie und gleicht Interessen aus, auch wenn der Kurs manchmal vom Oberbörsianer abschließend bestimmt wird. Fast wie im wirklichen Leben.

Das Managen von emotionalen, kognitiven und handwerklichen Aufgaben ist weit mehr als eine Beschäftigung. Es ist ein Beruf. Das bedeutet auch, daß der Manager ein Bewußtsein für seine eigene Funktion entwickelt und das heißt, daß er weiterlernt, sich weiterbildet, sich weiter entfaltet. Er muss die Elternkompetenz ständig erweitern. Er kann nicht nur aus dem Bauch heraus entscheiden. Dafür sind die Verhältnisse heute zu komplex. Er muß mehr wissen. Er muß seinen eigenen Fundus an Humankapital vermehren, er muß aufstocken, seinen Börsenwert permanent steigern, indem er an sich selbst arbeitet und sich bewußt ist, daß er nicht nur eine Lebensphase mehr oder weniger gut hinter sich bringt, sondern daß er eine Aufgabe hat, eine Berufung zu diesem Beruf.

Das ist ein zentraler Punkt. Die Selbsteinschätzung des Familienmanagers macht ihn immun gegenüber der ungerechten Bewertung seines Berufs durch Politik und Öffentlichkeit. Es ist evident, daß die Haus-und Familienarbeit gegenüber der Erwerbsarbeit außer Haus als geringer eingestuft wird. Das hat nicht nur damit zu tun, daß die eine Arbeit bezahlt wird, die andere nicht. Das liegt auch daran, daß die eine Arbeit in meßbaren Funktionen und Produktionen abläuft, die andere jedoch nicht, obwohl man auch hier in Funktion und Produktion denken will, also nur Putzen, Kochen, Windeln, Wäsche, Bügeln etc. vor Augen hat. Das jedoch betrifft nur die zweite, die handwerkliche Ebene. Die wirklich substantielle und unersetzliche Arbeit zuhause aber ist die Gestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen, die Beschenkung mit Menschlichkeit. Sie erst macht die Erziehung aus, ihr „Produkt“ sind erwachsene, verantwortungsbewußte und nicht nur satte und beschäftigte Menschen. Daran denkt man in Politik und Medien ebenso wenig wie an die Weiter-und Fortbildung der Familienmanager selbst. Das sollten die Väter und Mütter nicht mitmachen. Sie sollten aus dem Bewußtsein heraus arbeiten, daß man auch in der Familie Karriere machen kann. Nur heißt hier Karriere nicht Macht, sondern Freundschaft, nicht Geld, sondern Glück.

Es gibt in diesem Sinn auch keinen Mißerfolg. Ein mit Liebe, mit Menschlichkeit beschenkter Mensch ist immer ein Erfolg. Es zählen nicht seine Leistung, seine Güter – cold projects, könnte man mit Dahrendorf sagen – sondern seine Fähigkeit, Liebe weiterzugeben, Menschlichkeit weiter zu schenken, Hoffnung zu haben und zu verschenken, den Glauben an das Leben zu stärken, daran, daß es gut gehen kann, ohne naiv zu sein. Die personale Beziehung in der Familie ist immer auch eine Beziehung der Liebe, selbst in ihrer negativen Form als Mangel an Liebe. In der Gestaltung dieser Liebes-Beziehung, die über die diversen Phasen der Versorgung, Anleitung und Begleitung schließlich zu einer Freundschaft von selbständigen, freien und verantwortungsbewußten Personen führen soll, in der Gestaltung dieser Beziehung liegt die eigentliche Erziehungsleistung. Diese Beziehung trägt das Leben. Die Soziologie und Psychologie lehrt uns, daß die Familie über große schöpferische Kräfte verfügt. Die Kunst des Familienmanagers besteht darin, diese Kräfte zu bündeln und zu kanalisieren, damit jedes Kind, jedes Mitglied im Unternehmen, bekommt, was es trotz materieller Defizite für seine Herzensbildung und Persönlichkeitsentwicklung braucht. Diese Leistung wird, glaube ich, immer noch erbracht. Aber die Kapitaldecke in Europa ist dünn geworden. Ohne Anerkennung des Berufs Familie durch die Gesellschaft, materiell und ideell, werden manche Unternehmen Konkurs anmelden. Nicht nur Unternehmen Familie. Um das zu verhindern, sollten den Familienmanagern die Möglichkeiten gegeben werden, Menschlichkeit zu schenken. Sie brauchen dazu Zeit, Wissen und Engagement. Das sollte ihnen die Gesellschaft nicht nur gönnen, sie schuldet es ihnen.

Martine Liminski, geboren in Nantes, Frankreich, war Directrice einer Ecole Maternelle bis sie sich ganz dem Beruf Mutter widmete. Sie hat zehn Kinder und ist Mitglied im Vorstand des Idaf. Der Aufsatz ist eine gekürzte Fassung des Kapitels „Humankapital und Familienmanagement“ aus dem Buch „Abenteuer Familie“ (mit einem Vorwort von Paul Kirchhof). Das Buch ist vergriffen, aber auf Anfrage noch erhältlich unter jl@i-daf.org