Fake News – Fake Science

von Martin Eberts
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Seit einiger Zeit herrscht in Deutschland eine gewisse Aufregung um allerlei falsche oder mutmaßlich verfälschte Informationen, überwiegend im Internet – häufig (in einer Art Pidgin-Deutsch) als „Fake News“ bezeichnet. Falsch- und Desinformation gibt es aber nicht nur im Bereich der Nachrichtenverbreitung, sondern (immer schon) auch in der Wissenschaft – „Fake Science“ gewissermaßen. Ein aktuelles Beispiel dafür lieferte kürzlich ein Beratungsunternehmen, das – im Bunde mit Dozenten einer namhaften Universität – den erstaunlichen Nachweis zu erbringen schien, dass Hausfrauen der eigentliche Feind der Innovation seien… (1)

Besagte Studie basierte auf bestimmten Fragen an Unternehmen in diversen Ländern und führte u.a. zu dem Ergebnis, dass nur ein genügend hoher Frauenanteil in Führungspositionen der Wirtschaft optimale Innovationsfähigkeit herstelle. Deutschland habe mit 70 Prozent eine viel zu niedrige Frauenerwerbsquote und junge Mütter blieben viel zu lange bei ihren Babys, statt nach der Entbindung zügig zurück in die Produktion zu streben und dort Bruttosozialprodukt und Innovationsfähigkeit zu steigern. Und überhaupt gehöre auch und ganz besonders das Ehegattensplitting im Steuerrecht abgeschafft, da es nur „traditionelle Rollenbilder für Männer und Frauen“ fördere, die aber geradezu Gift für die Innovationskraft unserer Ökonomie seien.

Man spürt die Absicht und ist verstimmt...

Als leuchtende Beispiele, wie es besser gehe, werden, wie so oft, die nordischen Länder angeführt, in diesem Falle an allererster Stelle Island. Es fällt auf, dass zwar die nordischen Politikmodelle in leuchtenden Farben geschildert werden, ein überzeugender Beweis aber fehlt, wo denn nun die daraus resultierende enorme Innovationskraft zu finden ist. Man fragt sich, ob wohl im Ernst jemand annehmen kann, maximale Innovation werde dann erzielt, wenn der Staat durch Druck und Anreiz Väter und Mütter quasi permanent im Erwerbsprozess festhält...?

Schon ein kurzer Blick in die jüngere Wirtschafts- und Wissenschaftsgeschichte belegt, wie wenig glaubhaft diese geradezu Orwellsche Vision ist: Zählt nicht gerade Deutschland zu den innovativsten Ländern der Welt? Sind nicht Wirtschaftswunder, Nobelpreise, einsame Exportrekorde mit einem offenbar „veralteten“ und „innovationsfeindlichen“ Modell zustande gekommen?

Die genannte Studie geht anscheinend von einem grotesken, veralteten behaviouristischen Menschenbild aus: Steckt die Eltern in die Produktion und die Kinder in die Betreuung, und schon entsteht Kreativität; viel hilft viel... Diese Weltsicht ist so bizarr, wie die frühneuzeitlicher Wissenschaftler, die vermeinten, in ihren Tiegeln und Töpfen einen künstlichen Menschen, den „Homunculus“ anrühren zu können.
Dem gegenüber ist festzuhalten:

- Es ist eine Milchmädchenrechnung, maximale Erwerbstätigkeit mit maximaler Innovation gleichzusetzen. Eine solche Chimäre lässt sich vielleicht mit Suggestivfragen an Unternehmen schaffen, denen es um maximale Ausnutzung ihres Arbeitskräftepotentials geht. Überzeugend ist das nicht.

- Es ist nicht nur innovationshemmend, sondern auch moralisch fragwürdig, Erwerbstätigkeit zum alleinigen Ziel und Seinszweck des Menschen zu machen und ihre Maximierung gegen Familie und Kindererziehung auszuspielen.

- Auch „Hausfrau und Mutter“ ist ein klassisches und erfolgreiches Berufsbild – eines, das in der Geschichte der Menschheit mehr zur Kreativität junger Menschen und damit zum Fortschritt beigetragen hat, als irgendeine kurzlebige Theorie des „Social Engineering“. Die ständige Herabwürdigung der Hausfrau und Mutter ist nicht nur verwerflich, sondern auch wirtschafts- und wissenschaftspolitisch ein schwerer Fehler.

- Kreativität gedeiht am besten bei einer harmonischen frühkindlichen Entwicklung; es ist entwicklungspsychologisch entscheidend, eine möglichst enge und anhaltende Bindung des Kleinkinds an die Eltern, insbesondere die Mutter, zu fördern. Das bringt mehr für Kreativität und spätere Innovation, als jede staatliche „Carrot-and-Stick“-Politik zur Steigerung lückenloser Erwerbsarbeit.

- Innovation und Kreativität setzen Freiheit und Vielfalt voraus; je schematischer und einförmiger die Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Familienpolitik, desto schlechter ist das für ihre Förderung. Angesichts des demographischen Wandels ist ein kollektivistisches, kinderfeindliches Gesellschaftsmodell die schlechteste mögliche Antwort. Dagegen wäre es wichtig, Familien zu schützen und auf die frühkindliche Entwicklung mehr (und nicht weniger) zu achten.

Es fällt uns oft schwer, an mehr als ein kurzzeitiges Versehen zu glauben, wenn es um Verirrungen „wissenschaftlicher Forschung“ geht, denn Wissenschaft ist für uns fast identisch mit Zuverlässigkeit. Die Wissenschaftsgeschichte hat freilich eine Vielzahl von Irrtümern und Missverständnissen aufzuweisen. Es sind aber weniger menschliche Schwächen, die Fehlleistungen und Irrtümer zur Folge haben – irren ist menschlich, und aus Fehlern können wir lernen. Es sind vielmehr ideologische Vorgaben, die zu den schwersten Irrtümern und Verfälschungen führen. Je stärker ein sachfremdes erkenntnisleitendes Interesse die Forschung bestimmt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei der „Forschung“ ein Ergebnis „wie gewünscht“ heraus kommt.

Das kann man guten Gewissens auch als „Fake Science“ bezeichnen…

(1) Artikel von Till Neuscheler, „Hausfrauen sind der Feind der Innovationen“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 21. 12. 2016.