Ex Machina

(Film-Szenenbild (11.09.2014) - © Universal Pictures Switzerland)

von José García
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„Was ist der Mensch?“ Diese uralte Frage der Menschheit erhält neuen Zündstoff, seit neuere Forschungszweige weitere Zugänge zu dieser uralten Fragestellung liefern, etwa die Künstliche Intelligenz (KI) und die unter der Abkürzung GRIN (Genetics, Robotics, Information Technology, Nanotechnology) bekannten Verfahren der Gentechnik und der Erprobung von Schnittstellen Mensch-Maschine. Diese Forschungszweige experimentieren mit den Grenzen der Identität und Autonomie des Menschen („Transhumanismus“). Das 1999 erschienene Buch „Homo S@piens“ (Original: „The Age of Spiritual Machines“) des „unverbesserlichen Optimisten“ und Transhumanismus-Verfechters Ray Kurzweil eröffnete eine Kontroverse über die Machbarkeit dieser Techniken und auch über die damit verbundenen ethischen Fragen insbesondere mit dem größten Kritiker des Transhumanismus Bill Joy, der „eine apokalyptische Selbstauslöschung der Gattung Mensch“ heraufbeschwört. Im Juni 2000 veröffentlichte Bill Joy in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ denn auch einen bemerkenswerten Aufsatz mit dem Titel „Warum die Zukunft uns nicht braucht“, in dem er „die mächtigsten Technologien des 21. Jahrhunderts“ als eine Gefahr für die Gattung Mensch bezeichnete.

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Filmische Qualität: 4 von 5 Punkten
Regie: Alex Garland
Darsteller: Oscar Isaac, Domhnall Gleeson, Alicia Vikander, Chelsea Li, Evie Wray
Land, Jahr: Großbritannien 2014
Laufzeit: 108 Minuten
Genre: Science-Fiction
Publikum: Ältere Jugendliche, Erwachsene
Einschränkungen: Gewalttätige Szenen, häufige Szenen mit offenkundig erotisierender Absicht
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Die Möglichkeit, den Menschen im Sinne eines Transhumanismus genetisch zu verändern, erscheint heute anderthalb Jahrzehnte nach diesem Disput freilich noch immer als „Science Fiction“. Deshalb gehört die Beschäftigung mit solchen Fragen in den fiktionalen Bereich der Science-Fiction-Filme, die eine solche Möglichkeit in einer mehr oder minder nahen Zukunft einfach voraussetzen. Den Anfang machte im Jahre 2001 Steven Spielberg mit „A.I. – Künstliche Intelligenz“, der auf naiv-melancholische Weise die Frage der Liebesfähigkeit eines mit künstlicher Intelligenz von Menschen geschaffenen Wesens in den Mittelpunkt stellte. Weniger optimistisch fielen sowohl der auf den Kurzgeschichten von Science-Fiction-Autor Isaac Asimov basierende Spielfilm „I, Robot“ (Alex Proyas, 2004) als auch „Transcendence“ (Wally Pfister, 2014) aus, die auf die mit dem Transhumanismus verbundenen Gefahren hinwiesen.

Der nun im deutschen Kino anlaufende Spielfilm „Ex_Machina“ stellt erneut die Frage nach der Menschlichkeit einer mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten menschlichen Schöpfung. In seinem Regiedebüt erzählt der britische Drehbuchautor Alex Garland von einem Experiment, das in der Abgeschiedenheit eines festungsartigen Betonrefugiums mitten in den Bergen ausgeführt werden soll. Dort lebt zurückgezogen der Multi-Milliardär Nathan (Oscar Isaac), dem eine der größten Firmen der Welt gehört. Per „Lotterie“-Gewinn kommt sein Angestellter Caleb (Domhnall Gleeson) in den Genuss, eine Woche in diesem Haus zu verbringen. Erst nach seiner Ankunft erfährt der 24-Jährige von seinem eigentlichen Auftrag: In mehreren Sitzungen soll er einen weiblichen Androiden namens Ava (Alicia Vikander) einer Art „Turing-Test“ unterziehen. Calebs Aufgabe besteht also darin herauszufinden, ob „Ava“ ein dem Menschen gleichwertiges Denkvermögen besitzt. Anders als etwa die von Sean Young in „Blade Runner“ (Ridley Scott, 1982) dargestellte „Replikantin“ Rachael hat Ava zwar ein sehr schönes menschliches Gesicht, aber ihr sonstiges Aussehen weist sie eindeutig als Maschine aus. Diese Gestaltung geht auf ein bewusstes Ansinnen Nathans zurück: „Das ist es gerade. Du sollst sie auf Menschlichkeit testen, obwohl du weißt, dass sie künstlich ist“, sagt er zu Caleb. Dass Nathan sehr wohl in der Lage ist, perfekt menschlich aussehende und mit verführerischen weiblichen Reizen ausgestattete Androiden herzustellen, wird der Zuschauer später erfahren.

Im Verlauf der Sitzungen, bei denen Caleb und Ava von einer Panzerglasscheibe getrennt sind, fühlt sich Caleb immer mehr zum Androiden hingezogen – obwohl der exzentrische Wissenschaftler seinen jungen Mitarbeiter ausdrücklich darauf hingewiesen hatte, dass Ava Gefühle lediglich vortäuschen könnte, um aus dem interirdischen Labyrinth zu entkommen: „Irgendwann einmal sehen uns die KIs, wie wir heute irgendwelche Fossilien in der Wüste sehen – als rudimentäre, aufrechtgehende Affen.“ Obwohl die Sitzungen vom Wissenschaftler überwacht werden, sorgen kleine Stromausfälle dafür, dass Caleb und Ava unbeobachtet miteinander reden können. „Ex_Machina“ wird immer mehr zu einem psychologischen Duell zwischen den zwei Männern und der androiden Frau in einem klaustrophobischen, bis in die Details perfekt gestalteten Raum. Als Ava in einem unbeaufsichtigten Moment Caleb erklärt, dass er seinem Chef nicht trauen darf, schlägt der junge Mann Nathans Warnungen in den Wind, und entwirft einen Fluchtplan für sich und Ava. Der Wissenschaftler hat jedoch natürlich mit dieser Möglichkeit gerechnet und Vorsorge getroffen. Aber vielleicht haben die beiden die Rechnung ohne Ava gemacht.

Trotz seines leicht futuristisch anmutenden und überaus gelungenen Designs steht im Mittelpunkt von „Ex_Machina“ genau die Frage, die seit dem Streit zwischen Ray Kurzweil und Bill Joy die Diskussion um die Künstliche Intelligenz beherrscht. Eine Frage, die ebenfalls Wally Pfisters „Transcendence“ stellte: Ob eine solche Mensch-Maschine zwischen Recht und Unrecht, zwischen Gut und Böse unterscheiden könnte, oder noch beunruhigender: Ob nicht ein solcher Android selbst entscheiden will und wird, was Recht und Unrecht, was Gut und Böse ist.