Charakter-Erziehung ist in den USA wieder angesagt!

Charakter-Erziehung ist in den USA wieder angesagt!
Seit den Zeiten, als wir Menschen noch in Höhlen lebten, sind wir bemüht, unsere Lebensbedingungen zu verbessern. Das erste Ziel war, die Natur zu beherrschen und mit den Bedrohungen von außen zurecht zu kommen, seien es Säbelzahn-Tiger, oder „Sub-Prime-Hypotheken“. Zum zweiten waren wir bestrebt, unsere innere Natur zu verbessern. Wir bemühten uns, gut zu handeln; dabei geht es um mehr, als in die warme Höhle zurückzukriechen, eine Blondine an ihren Haaren hinter sich her zu ziehen, Bier zu trinken und Fußball zu schauen. Das Leben der meisten Menschen ist ständiger Kampf, mit den Bedrohungen von außen und den Herausforderungen des eigenen Ich zurechtzukommen.
von Kevin Ryan - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Originaltitel: Character education walks again! Veröffentlicht auf > MERCATORNET.com am 17. September 2008
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Was ist ein guter Charakter?

Die Ausbildung eines guten Charakters wurde schon immer als ein Mittel angesehen, mit den Schwierigkeiten des Lebens fertig zu werden, insbesondere mit den eigenen, inneren Problemen. „Charakter“ ist einer dieser grundlegenden Begriffe, dessen Bedeutung sich im Lauf der Zeit bis zur Unkenntlichkeit verändert hat. Die griechische Wurzel charassein, steht für „eingraben“ oder „markieren“, also das Einritzen von Schrift in ein Wachstäfelchen, oder die Prägung einer Metalloberfläche. Charakter bezieht sich also auf die Ausprägung bestimmter individueller Verhaltensweisen oder auf die moralische Konstitution eines Menschen.
Schon früh wussten die Menschen, dass ein guter Charakter einem nicht einfach in die Wiege gelegt wird. Kinder, die sich selbst überlassen sind, sterben entweder wegen fehlender Zuwendung, oder sie entwickeln sich zu egozentrischen, vielfach gefährlichen Erwachsenen. Es braucht Zeit und Anstrengung, Gewohnheiten und Wesensart herauszubilden, die einen guten Charakter ausmachen.
Von den Höhlenmenschen bis heute sind es die Eltern, die zuerst gefragt sind, ihre Kindern so zu erziehen, dass sie einen guten Charakter entwickeln. Dabei konnten Eltern jedoch anders als heute meist auf Helfer bei der Formung des Verhaltens und der Moral zählen, z. B. auf ältere Geschwister, Großeltern, Verwandte, Nachbarn, Geistliche und so weiter. Es war Allgemeingut, dass eine Formung, die z. B. zur Gewohnheit führt, immer die Wahrheit zu sagen, oder Probleme friedlich zu lösen, eine wichtige Voraussetzung für Glück und Wohlbefinden des einzelnen Kindes und der Gesellschaft ist. Diese Weisheit wurde quasi mit der Muttermilch weitergegeben und findet ihren Ausdruck in Sprichwörtern, wie: „Wie man den Zweig biegt, so neigt sich der Baum“. Eltern, oder eine Gesellschaft, die nicht auf Charakterbildung ihrer Kinder Wert legen, sägen an den Ästen, auf denen sie selbst sitzen.
Damals in Amerika

Als es den Eltern nicht mehr möglich war, ihren Kindern selbst das erworbene Wissen weiterzugeben, das nötig war, um in der Welt zu bestehen, wurden Schulen gegründet. Die Lehrer übernahmen nun, mit Eifer und Leidenschaft, das, was wir heute Charakterbildung nennen. Nie wurde diese Aufgabe ernster genommen, als in der amerikanischen Kolonialzeit. 1641 verabschiedete die „Massachusetts Bay Colony“ das „Old Deluder Satan“ (alter Verführer Satan) -Gesetz, auf dessen Grundlage die ersten öffentlichen Schulen in Nord-Amerika entstanden. Dieses Gesetz ermächtigte die Behörden, Familien zu besteuern, um Grund- und weiterführende Schulen einzurichten. Das Bildungsziel ist im Gesetzestitel festgehalten. Die frühen Siedler lebten in einem für sie fremden, neuen Land, waren umgeben von „Wilden“, und von der Zivilisation abgeschnitten, weshalb sie für das ewige Seelenheil ihrer Kinder fürchteten. Schulen wurden also gegründet, um Kinder im Lesen und Verstehen der Bibel, dem niedergeschriebenen Wort Gottes, zu unterweisen. Auf diese Weise sollten Kinder Charakterstärke erwerben, um den Einflüssen des „alten Verführers Satan“ zu widerstehen.
Im Verlauf der Jahrhunderte, seit der Einführung von Schulen in Nord-Amerika, war deren zentrales Ziel die Charakterbildung. Durch das 19. und das 20. Jahrhundert hindurch beruhte diese auf einer Mischung aus biblischer Religionskunde und Werten, die einen guten Mitbürger auszeichnen. Im 20. Jahrhundert jedoch wurde die Lehre eines religiösen Wertekanons aufgegeben. Grundlagen und Inhalte der Charakterbildung stützten sich immer mehr auf säkulare Elemente. Hinzu kam, dass Ziele und Begründung von Charakterbildung durch die sozialen Spannungen und Auseinandersetzungen der späten 60er und frühen 70er Jahre dramatisch attackiert wurden. Ein unpopulärer Krieg in Ost-Asien, eine neue Sexualmoral durch die Einführung der „Pille“, Drogenkonsum und oft gewalttätige Auseinandersetzungen über Menschenrechte hatten den moralischen Konsens der Nation in den Grundfesten erschüttert. Diese Situation führte dazu, dass viele Lehrer die Frage stellten: „Welche Werte können wir eigentlich noch legitim lehren?“
Als Reaktion auf diesen Aufruhr zogen viele Lehrer und Schulbehörden die Konsequenz, ihre Funktionen als Charakterbildner und Vermittler moralischer Werte der Gesellschaft gänzlich aufzugeben. Um 1960 waren diese Fachkräfte noch überzeugt, verantwortlich zu sein für die moralische Bildung ihrer Schüler. Sie fanden hierfür zwei gänzlich unterschiedliche, auf Psychologie basierende Methoden, die das Vakuum füllen sollten: „Values Clarification“, also „Werteklärung“ und „Cognitive Developmental Moral Education“, also „erkenntnis- und entwicklungsgemäße Moralerziehung“
Lehrer als Moderatoren

Werteklärung ist eine schicke Bezeichnung. Anstatt konkrete Moralkonzepte oder Werte zu vermitteln, wurden Lehrer in die Rolle des neutralen Moderators gedrängt. Mit Spielen und verschiedenen Übungen wurden die Schüler angehalten, ihre eigenen Moralvorstellungen zu entwickeln. Nicht die ihrer Eltern, ihrer Glaubensgemeinschaft, ihres Heimatlandes oder die moralischen Überlieferungen der Jahrhunderte, nein, die „Werte“, die sie als Ergebnis aus diesen Übungen mitnahmen. Im Rückblick scheint die Idee absurd, doch war das Konzept der „Werteklärung“ in unseren Schulen für ganze zwanzig Jahre unheimlich populär. Um 1980 machte sich bei den Erziehern eine gewisse Ernüchterung breit, als das Konzept durch eine Reihe wissenschaftlicher Studien für untauglich befunden wurde, doch ist es noch immer ein geschätztes Mittel zur Förderung eines moralischen Relativismus.
Das andere Prinzip, die „Cognitive Developmental Moral Education“, also „Erkenntnis- und entwicklungsgemäße Moralerziehung“ war im Wesentlichen die Kopfgeburt eines Psychologen an einer bekannten Universität, deren Ruf es zuzuschreiben ist, dass dieses Konzept wohl zu ernst genommen wurde. Seine Theorie postuliert, dass Menschen sich über sechs eindeutige Stufen moralischer Erkenntnis nach „oben“ entwickeln können. Mittels geeigneter Hilfestellung kann man diese Stufen schneller nach oben eilen. So sollen Adepten, die auf einem niedrigen Niveau moralischer Erkenntnis stehen, eingebunden in eine Gruppe, die auf höherem Niveau diskutiert, nach und nach –quasi von selbst- in die Denkschemata des höheren Niveaus hineinwachsen. Mit anderen Worten: man bringe eine Gruppe mit niedrigem Niveau mit einer Gruppe Fortgeschrittener zusammen und alles wird gut. Lehrer wurden geschult, Studenten über Themen diskutieren und debattieren zu lassen, die sich oft als komplexe moralische Grenzfälle darstellten. In den 1970er und 1980er Jahren wurden eigens Konflikt-basierte Curricula für Grundschule und weiterführende Schulen entwickelt.
Und wiederum war es eine große Enttäuschung für die Befürworter, die Ergebnisse begleitender Studien zu lesen. All das ethische Gezänk führte nicht zu höherem Denken. Darüber hinaus empfanden Lehrer die Moderation konfliktreicher Diskussionen einfach frustrierend. Die Aufgabe, festzustellen, welche Schüler welches Niveau hatten und die Diskussion so zu steuern, dass die mit niedrigem Niveau denen auf höherem Niveau zuhören, wurde als völlig unpraktikabel empfunden.
Charakterbildung heute

Die enttäuschenden Fehlschläge dieser beiden psychologisch begründeten Methoden, zum Einen postuliert von Erziehungstherapeuten, zum Anderen von Universitätsprofessoren, ließ das Interesse an Charakterbildung schwinden. Das bedeutete jedoch nicht, dass den Schulen und den Lehrern Verantwortung und Notwendigkeit zur Charakterbildung der Schüler abgesprochen wurde. In den Vereinigten Staaten führt das Bewusstsein der Öffentlichkeit für den seit vierzig Jahren spürbaren, enormen Anstieg von Jugendproblemen (z.B. brutale Verbrechen, außereheliche Geburten, Drogenkonsum) dazu, Lehrern und Erziehern Schuld daran zuzuweisen. Trotzdem kommt die Diskussion um Charakterbildung nicht voran, wenn nicht starke Impulse aus religiöser Motivation oder überzeugende humanistische Ideale sie befruchten. Allerdings muss man auch feststellen, dass die ganze Diskussion um Charakterbildung sich kaum mit dem menschlichen Charakter selbst beschäftigt.
In der akademischen Welt ist die moderne, empirische Psychologie eine junge Disziplin, die sich mit wenigen Ausnahmen (wie Abraham Maslow, Carl Rogers) bislang hauptsächlich mit Geisteskrankheiten und anderen Fehlfunktionen befasst hat. Erst gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wurde ein größeres Forschungsprojekt gestartet mit dem Ziel, zu untersuchen, was Erfüllung im Leben ausmacht. Kennzeichnend für diesen Betrachtungswechsel nennt man diese Disziplin „Positive Psychologie“. Die Mitarbeiter des Projekts wollen herausfinden, was zu Glück und Erfüllung des Menschen beiträgt. Der in diesem Zusammenhang meist gebrauchte Begriff ist „Mental Wellness“, mentales Wohlbefinden.
In ihrem Bemühen, die Voraussetzungen mentalen Wohlbefindens zu identifizieren, benannten die Psychologen sechs menschliche Haupteigenschaften, die zum Glücklichsein beitragen. Diesen sechs Haupteigenschaften werden insgesamt vierundzwanzig Charakterstärken zugeordnet:
Klugheit und Wissen (Kreativität, Wissbegier, Offenheit, Lerneifer, Zielsetzung);
Mut (Tapferkeit, Ausdauer, Rechtschaffenheit, Lebensfreude);
Menschlichkeit (Liebe, Freundlichkeit, Soziale Aufgeschlossenheit);
Gerechtigkeit (Bürgersinn, Fairness, Führungsqualität);
Maß (Versöhnlichkeit und Mitleid, Bescheidenheit, Umsichtigkeit, Selbstbeherrschung)
Transzendenz (Sinn für Schönes und Herausragendes, Dankbarkeit, Hoffnung, Humor, Spiritualität).
Es ist interessant festzustellen, dass die „positiven Psychologen“ die überkommenen philosophischen Termini von „Tugenden“ und „Charakter“ in ihre wissenschaftlichen Ergebnisse aufgenommen haben.
Wiederbelebung einer Wertethik

Diese Bewegung in der empirischen Psychologie findet ihre Entsprechung in der Philosophie durch eine Wiederbelebung einer Wertethik. Damit geht eine Wiederentdeckung der ursprünglichen Bedeutung des Wortes „Charakter“ einher. Während man die Wiederbelebung der Wertethik den Arbeiten des Philosophen Alasdair MacIntyre zuschreiben kann, liegen ihre Wurzeln im Streben der alten Philosophen und religiösen Vordenker. Es geht darum, Wege zu finden, wie der Mensch Glück und Erfüllung erreichen kann. Nachdem Aristoteles zur Überzeugung gelangte, dass der Weg zum Glück darin besteht, ein tugendhaftes Leben zu führen (also Charaktermerkmale auszubilden, wie Gerechtigkeit, Selbstdisziplin, Mäßigung und Mut), untersuchte er, wie ein Mensch Tugenden erwerben kann. Er kam zu dem Schluss, dass der Weg dorthin in der Einübung guter Gewohnheiten oder moralischer Rechtschaffenheit besteht. Man muss zunächst den Sinn einer Tugend, z.B. der Mäßigung oder Gerechtigkeit erkennen und den Wunsch haben, sie zu erstreben. Man muss also den Willen mobilisieren, diese Tugenden oder guten Gewohnheiten zu besitzen. Als nächstes gilt es, zu handeln. Man muss sich anstrengen, die Tugenden zu üben, bis sie zur „zweiten Natur“, also zur Gewohnheit werden. Man wird tapfer, wenn man mutig handelt und wird selbstbeherrscht, wenn man sich in Selbstbeherrschung übt.
Beide vorgestellten Wege gehen von dem aus -was früher Allgemeingut war-, dass der Mensch, der in diese Welt geboren wird, nicht zwangsläufig einen guten Charakter ausbildet. Das bedeutet, dass es in der Erziehung klare Ideen geben muss, was ein „guter Mensch“ ist und die Voraussetzungen zu schaffen sind, dass der junge Mensch die Gewohnheiten und Tugenden erwirbt, die einen „guten Menschen“ ausmachen. Insofern bietet eine wertorientierte Ethik den Erziehern ein klares, historisch begründetes Mandat und angemessene Methoden für die Charakterbildung. Es geht darum, den Schülern ein tiefes Verständnis der Werte zu vermitteln, die ein erfülltes Leben ermöglichen, ihnen Beispiele aus Geschichte und Literatur vorzustellen und auf die Stolperfallen hinzuweisen, die dem Erlangen oder Bewahren dieser Werte im Wege stehen können. Am wirkungsvollsten ist sicher, wenn es den Lehrern gelingt, ihren Schülern die Überzeugung zu vermitteln, dass alle Erfahrungen, seien es schulische Erfolge oder Fehlschläge, sportliche Siege oder soziale Enttäuschungen, das Schrot für die Mühlen der wichtigsten Schüleraufgabe ist: Meister des eigenen, guten Charakters zu werden.
Den moralischen Schmelztiegel aufmischen

Man kann nicht behaupten, dass Charakterbildung heute in der Schule einen besonderen Stellenwert genießt. Unter Druck von Schulverwaltungen und Arbeitgebern ist man bestrebt, möglichst gut ausgebildete und produktive Absolventen zu „erzeugen“, weshalb Lehrer und Verwaltung sich in erster Linie um Vermittlung von Lese- und Schreibfähigkeit, sowie um mathematische und naturwissenschaftliche Kenntnisse bemühen, Fächer, die alle mit Hilfe sogenannter „high stake Tests“ einfach abgeprüft werden können. Hinzu kommt, dass die meisten Erzieher, ebenso wie ihre Adressaten, selbst wertneutrale Schulen absolviert haben und deshalb kaum in der Lage sein können, einen wertevermittelnden Unterricht anzubieten.
Man kommt jedoch nicht daran vorbei, dass die schulische Ausbildung eines Kindes ohne Berücksichtigung seines Charakters und moralischer Werte seine Fähigkeiten beschneidet und daher sogar zu einer Gefahr für die Gesellschaft werden kann. Schulen sind Schmelztiegel, in denen ethische Probleme, wie Betrügereien, Mobbing und mangelnde Fairness im Umgang miteinander an der Tagesordnung sind. Es ist zu begrüßen, dass mit Beginn des 21. Jahrhunderts zwei neue Bewegungen, nämlich positive Psychologie und Wertethik, den Erziehern eine Perspektive für eine besser begründete und stabile Charaktererziehung zu bieten versprechen.
Die modernen Heilsbringer einer Multikulti- und Beliebigkeits-Gesellschaft werden zweifellos gereizt durch für sie so abwegige Begriffe, wie „Werte“ und „Charakter“, die sie als antiquiert und spießig ansehen, um gar nicht erst Aristoteles zu erwähnen, der ja uralt ist. Vielleicht kann man sie aber nachdenklich stimmen, wenn sie hören, dass einer der Hauptbefürworter von Wertethik und positiver Psychologie aus Asien stammt und keinesfalls Christ ist. Er lebte in der Vor-Internet-Zeit und bediente sich so archaischer Begriffe, wie „säen“ und „ernten“, die in der „gelebten Erfahrung“ der meisten modernen Jugendlichen nicht mehr vorkommen. Vor etwa 2500 Jahren beschrieb Konfuzius die Stufen zur Charakterbildung in einem Vierzeiler:
Säe einen Gedanken. Ernte eine Aktion.
Säe eine Aktion. Ernte eine Gewohnheit.
Säe eine Gewohnheit. Ernte einen Charakter.
Säe einen Charakter. Ernte ein Schicksal.
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Kevin Ryan gründete das „ Center for the Advancement of Ethics and Charakter an der Boston University“, wo er als Professor em. lehrt. Er publizierte und verlegte 20 Bücher. Erst kürzlich wurde er von folgenden Programmen: CBS's "This Morning", ABC's "Good Morning America", "The O’Reilly Factor", CNN and the Public Broadcasting System zum Thema Charakterbildung interviewt.
Mailkontakt: kryan@bu.edu
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