Erziehung – nicht gleich Schule

von Dr. Hans Thomas --- Erziehung ist etwas anderes als Bildung. Die an sich selbstverständliche Unterscheidung scheint nicht mehr selbstverständlich zu sein, bedauerlicherweise vor allem in den Köpfen vieler Bildungspolitiker. Grundsätzlich – wie übrigens auch grundgesetzlich – ist Erziehung Sache der Eltern und Bildung Sache der Schulen. Grundsätzlich! Denn selbstverständlich erwerben Kinder wertvolle Bildung von ihren Eltern, und selbstverständlich wirkt die Schule bei der Erziehung mit. »Wirkt mit«: also nicht aus eigener Autorität, vielmehr im Auftrag und im Einvernehmen mit den Eltern der Schüler.
»Staatliche Planung und Investition in Bildung und Erziehung folgt zwangsläufig auch politischen Interessen.«
Feinabstimmungen mögen mitunter schwierig sein, können hier aber außen vor bleiben. Hier geht's ums Prinzipielle. Dass in der Erziehung Eltern Fehler machen, manche sie gar regelrecht vernachlässigen, ist gewiss wahr und bedauerlich, aber weniger gefährlich als Fehler in staatlich verordneter schulischer Erziehung, die dann landauf landab flächendeckend alle Schüler treffen. Staatliche Planung und Investition in Bildung und Erziehung folgt zwangsläufig auch politischen Interessen. Hier und heute lenkt das Gesetz des Wettbewerbs nicht nur die Wirtschaft und sichert ihre Freiheit. Längst gilt es auch zwischen Staaten. Stichwörter: Wirtschaftswachstum, Standortvorteil, Einkommensaussichten, Sozialordnung und Arbeitslosigkeit. Mit anderen Worten: Allenthalben Leistungsdruck, vor allem wirtschaftlich – auch auf die Politik: Technisch-organisatorische Mittel ausschöpfen, die schon beteiligten Menschen leistungsgerecht bilden, endlich die (zudem schrumpfenden) zukünftigen Leistungsträger im Sinne des erkannten Staatsinteresses trimmen, am besten von Geburt an. Dann Kita – erst Anreiz und Angebot, schließlich Druck, Zwang. Verstaatlichung der Erziehung.
»Totalitäre Regime waren immer schon Großmeister
in staatlicher Erziehung.«
Großmeister in staatlicher Erziehung waren schon immer totalitäre Regime. So übernahm in Russland gleich 1917 Lenins Ehefrau Nadeschda Konstantinowna Krupskaja – sie war Lehrerin – den Aufbau des sozialistischen Schul- und Erziehungssystems. Ziel: »Wir wollen die Lufthoheit über den Kinderbetten« (Olaf Scholz). Es galt, den von der Revolution erwünschten »neuen Menschen« zu schaffen, der systemkonform (wir sagen »politisch korrekt«) denkt und fühlt. Als Störenfriede galten, weil Schutzräume persönlich-privater Freiheit, Religion und Familie. Sie wurden bekämpft. Jeglicher Vergleich wäre nicht nur politisch inkorrekt, sondern selbstverständlich auch unangemessen. Aber vor Versuchungen scheinen auch demokratische Systeme nicht ganz gefeit zu sein. Läuft bei uns zwischen flächendeckender Kita und Sexualpädagogik der Vielfalt nicht auch etwas schief? Bildungswissen und erlernte Fähigkeiten dienen zweifellos der Überwindung der Widerstände, die das Leben bereithält. Garantieren sie schon Lebenstüchtigkeit? Oder bedarf es dazu, schon um nicht zu vereinsamen, auch emotionaler Belastbarkeit, Beziehungs- und Vertrauensfähigkeit, Einfühlung in andere und Hilfsbereitschaft? Wer von menschlicher Reife spricht, setzt diese Fähigkeiten gewiss voraus. Traditionell fasste man sie als »Herzensbildung« zusammen. Durch bloßes Lernen wird sie kaum erworben. Die Bindungsforschung entdeckt, dass in unserer auf Leistung fixierten Gesellschaft bei der Erziehung das Bewusstsein abhanden kommt, wie wichtig für ein leidfreieres Leben Herzensbildung ist und wie natürliches Erziehen sie grundlegen kann.