Elternfreuden

von Shannon Roberts - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Wenn man einer Studie, die kürzlich in Demography veröffentlicht wurde, Glauben schenken mag, scheint es, als mache Elternschaft die Menschen oft unglücklicher, als Scheidung, Arbeitslosigkeit und sogar der Tod des Partners. Wenn dann noch Beiträge wie dieser in der Weltpresse ihre Resonanz finden, sieht es für künftige Geburtenraten wohl nicht sehr rosig aus.

Ziel dieser Studie war, die Gründe für den weitverbreiteten Niedergang der Geburtenraten zu verstehen und warum so viele Paare, die vorher angaben, mehr Kinder haben zu wollen, nach dem ersten Kind aufgeben. So ist z.B. in Deutschland die Rate über die letzten 40 Jahre bei 1,5 Kindern geblieben, obwohl eine Mehrheit der Deutschen in Umfragen angab, mehr Kinder zu wollen.

Die Forscher Rachel Margolis, Soziologe an der University of Western Ontario, und Mikko Myrskylä, Direktor des Max Planck Instituts für Demographische Forschung in Rostock, untersuchten die Lebensverhältnisse von 2.016 Deutschen von Beginn ihrer Beziehung bis zwei Jahre nach der Geburt ihres ersten Kindes. Die Probanden wurden gebeten, auf die Frage: „Wie glücklich sind Sie mit Ihrer Lebenssituation, alles in allem?“ ihre Zufriedenheit auf einer Skala von 0 (komplett frustriert) bis 10 (absolut glücklich) zu bewerten.

Die Studie ergab, dass die meisten Paare ziemlich glücklich sind, wenn sie sich entschließen, ihr erstes Kind zu bekommen, so ihre Angabe auf dem Fragebogen der Studie. Vor der Geburt wuchs ihre Lebenszufriedenheit sogar, wohl aus Vorfreude auf das Baby. Nach der Geburt waren etwa 30% ebenso glücklich oder glücklicher. Beim Rest der Paare schwächte sich die Lebenszufriedenheit ab, wobei 742 (37%) eine Schwächung um eine Einheit, 383 (19%) zwei Einheiten und 341 (17%) drei Einheiten angaben.

Im Mittel führte also die Elternschaft zu einer Schwächung von 1,4 Einheiten bei der Lebenszufriedenheit. Dies ist schwerwiegend, wenn man sich vor Augen hält, dass eine frühere Studie den Tod des Lebenspartners mit einer Schwächung von einer Einheit belegte. Je größer die Schwächung, umso geringer die Wahrscheinlichkeit, dass ein Paar sich für ein zweites Kind entscheidet, wobei dieser Effekt am stärksten bei über 30jährigen und gut Gebildeten ausfällt. Weitere Entscheidungskriterien waren ein schwieriger Verlauf der Schwangerschaft, geburtsinduzierte Gesundheitsprobleme und Komplikationen während der Geburtsphase. Die bedeutsamste Begründung war jedoch „die kontinuierliche und intensive Beanspruchung beim Aufziehen von Kindern“. Eltern berichteten über Erschöpfungszustände durch Probleme beim Stillen, Schafentzug, Depressionen, häusliche Isolation und den Zusammenbruch von Beziehungen.

Ist das Elterndasein wirklich so hart? Als Mutter eines neun Monate alten Babys und einer Zweijährigen teile ich durchaus die Gefühle derer, die sich abmühen und sagen: ja, es ist manchmal verdammt schwer. Doch kann ich mir nie vorstellen, irgendwann behaupten zu können, mit Scheidung, oder dem Tod meines Partners zufriedener zu sein, als mit der Kindererziehung. Für einen gesunden Menschenverstand scheint diese Aussage unlogisch. Hinzu kommt, dass die Studie nur Eltern in den beiden Jahren nach Geburt des ersten Kindes beobachtet hat, also in der intensivsten Zeit der Kinderbetreuung. Mir kommt es vor, als würde man einen Marathonläufer fragen, ob er zufrieden ist, wenn er gerade einen Anstieg bewältigt hat, aber bis zum Ziel noch zwei Stunden zu laufen sind. Die Studie berücksichtigt auch nicht, ob sich die Probleme glätten, wenn ein zweites Kind kommt, oder die Kinder älter werden.

Natürlich bedeutet Kindererziehung Opfer, doch die damit verbundene intensive Erfahrung von Liebe und Freude lässt sich nirgendwo sonst finden. Man erntet im Leben, was man gesät hat. Natürlich mögen große berufliche Herausforderungen zu größerer Befriedigung und Erfüllung führen, als Liebe und Freude zu erfahren. Allerdings würde ich den Forschern raten, kinderlose Paare zu befragen, die im vorgerückten Alter niemanden haben, der nach ihnen schaut und sich um sie kümmert, wie glücklich sie mit ihrer Situation sind - deren Lebensglück schwindet im Alter signifikanter, als das von Eltern.

Ein weiterer Aspekt, der in der Studie offensichtlich keine Berücksichtigung fand, ist der des Alters. In unserer Zeit entscheiden sich immer häufiger Paare erst in ihren Dreißigern oder gar vierziger Jahren für Kinder. Sie sind dann meist schon etwas gesetzter, werden leichter müde und sind in ihrem Lebensstil schon ziemlich festgelegt. Wenn dann plötzlich ein kleines Wesen auftaucht, das in jeder Hinsicht abhängig ist, wird es, egal wie süß, eher als Eindringling, denn als Bereicherung empfunden, nachdem man über Jahre gewohnt war, sich nur um sich selbst zu kümmern.

Es ist auch eine Tatsache, dass Mütter sich heute stärker von ihren Verwandten und anderen Müttern isoliert sehen. Zum Teil liegt es daran, dass Mütter immer schneller ins Erwerbsleben zurückzukehren suchen, was dazu führt, dass heute kaum mehr Netzwerke von Familien oder befreundeten Müttern existieren, die Hilfe, Gemeinschaft und einen Arm anbieten können, der das Baby hier und da abnimmt. Man kann heute Kinder nicht mehr allein in der Nachbarschaft spielen lassen, wenn nur hier und da die Mutter nach dem Rechten schaut, wie es zur Zeit unserer Großeltern noch möglich war. Auch steht Karrierestreben für Frauen viel stärker als früher in Konkurrenz zur Kindererziehung, was häufig zu Konflikten führt, wenn es um das Opfer geht, die Arbeit zu Gunsten der Kindererziehung aufzugeben. Uns wurde in der Schule immer eingebläut, dass wir alle Herausforderungen des Berufs im Leben schaffen können, doch kaum jemand hat uns mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass wir eines Tages Kinder bekommen könnten. Es kann ein Schockerlebnis für junge Mütter sein, von heute auf morgen mit biologischen Realitäten konfrontiert zu werden, mit Windeln, Fläschchen und einem kleinen Wesen, das sich nicht nach unseren Zeitplänen richten will.

Vielleicht sollten wir einmal mehr über eine bessere Unterstützung von Müttern und Vätern in unserem Bekanntenkreis nachdenken, und die Familien mehr in den Blick nehmen. Für viele Frauen ist es oft leichter, ihr Selbstwertgefühl in einem guten und anerkannten Job zu finden, als für Mütter, die ihre Kinder großziehen und damit genauso viel, wenn nicht mehr für die Gesellschaft tun, als Angestellte, die in irgendeinem Büro oder Kaufhaus, Supermarkt etc. tätig sind.

Ist es der Produktionsdruck einer kapitalistischen Gesellschaft der diese Aussage diktiert? Natürlich müssen viele Frauen einfach Geld hinzuverdienen und sicher genießen viele die Abwechslung durch den Beruf und sehen keinen Konflikt mit ihrem Umfeld. Doch schmälert dies nicht die Tatsache, dass Mütter für die Gesellschaft eine unendlich wichtige Funktion haben und wir alle dafür Sorge tragen sollten, dass dies auch Anerkennung findet. Das schließt ein, es nicht als Tabubruch anzusehen, mit jungen Mädchen über ihre potenzielle Rolle als Mütter zu reden, wenn sie Zukunftspläne schmieden. Natürlich müssen auch Jungen zum verantwortlichen Nachdenken über Vaterschaft angeregt werden. Unterlässt man dies, blendet man die Realität aus und leistet der Gesellschaft einen Bärendienst.

Wir sollten auch nicht vergessen, dass Worte kaum beschreiben können, wie süß Babys sind, wie schnell sie lachen können, wie niedlich man sie anziehen kann, wie es sich anfühlt, wenn sie sich anschmiegen und wie sich die Eltern über jeden kleinen Entwicklungsfortschritt freuen. Solche Gefühle verkümmern nicht, wenn sie weiter wachsen und älter werden. Niemand sonst wird dich mehr lieben und dich mehr brauchen, als dein Baby und du erlebst die unfassliche Ehre, an der Schöpfung mitzuwirken und eine menschliche Seele zu formen. Kinder können oftmals schwierig sein, doch würden die meisten Eltern wohl jedes Opfer auf sich nehmen um sie nicht zu verlieren.

Man findet tausend Anfeuerungsrufe im Internet. Die meisten lassen sich sicher auch auf die Elternschaft anwenden.