Simplicity parenting: Kinder nicht überfrachten (Teil 1)

von Eloise Cataudella - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Was wäre, wenn all die Dinge, die Du Deinem Kind bietest, ihm nicht zum Vorteil gereichen, sondern seine Chancen eher mindern? Was, wenn zuviel eigentlich gute Dinge, wie Spielzeug, Unterricht, oder Wahlmöglichkeiten, einen gegenteiligen Effekt bewirken und für das Kind nachteilig sind?

Erziehungsberater und Bestseller-Autor Kim John Payne, M.Ed, behauptet, dass genau dies die Gefahr moderner Erziehung ist. Diese führt bei einigen Kindern zu Ängstlichkeit, ADHD oder tyrannischen Verhaltensweisen. In einem Interview mit dem IMFC (Institut für Ehe und Familie Canada), verdeutlicht Payne das Problem: Eltern fühlen sich durch den tiefen Wunsch motiviert, alles für ihre Kinder zu tun und tappen deshalb leicht in die Falle, „zu viel“ (1) zu geben. Dabei sahen sich die Eltern bis vor wenigen Jahrzehnten noch vor der Herausforderung, ihren Kindern „genug“ zu geben.

Alle Eltern haben die Hoffnung, das unendliche Potenzial ihres Kindes zu entfesseln. Sie kaufen haufenweise pädagogisches Spielzeug und Bücher, melden ihr Kind zu allen möglichen Kursen - Ballett, Sport, Theater - an, um Lernen, Bereicherung und Erfahrung zu maximieren. Doch passiert es dann leicht, dass Eltern so viele Stimulantien schaffen, dass diese die Entwicklung des Kindes stören, seine Aufmerksamkeit beeinträchtigen, seine Belastbarkeit vermindern und an seinem Selbstwertgefühl nagen.

Zu viel, zu früh

Payne benennt vier Säulen für ein „zu früh“ im Leben von Kindern: zu viel (Spiel)Zeug, zu viele Wahlmöglichkeiten, zu viel Information und zu viel Tempo. (2)

Wir neigen zu der Annahme, dass man nicht genug von allem bekommen kann, was erziehend, oder bereichernd scheint. Doch Payne warnt Eltern, dass die Quantität mindestens ebenso wichtig ist, wie die Qualität und deshalb „mehr“ nicht unbedingt auch „besser“ bedeutet.

Er vergleicht die Versuchung, nach immer mehr Bereicherung, mit der Völlerei beim Essen. „So, wie wir uns bewusst machen, was auf den Tisch kommen soll, müssen wir uns auch bewusst machen, was in den Tagesplan eines Kindes gepackt werden kann.“ (3)

Zu viel Zeug, Information und Geschäftigkeit überfordern Kinder. Diese Überforderung zeigt sich in allen möglichen unerfreulichen Auswüchsen, die von der kindlichen Persönlichkeit abhängig sind. Payne hebt hervor, dass jedes Kind seine persönlichen „quirks“, also seine Eigenarten habe, die aber ebenso Gaben seien. Er warnt davor, dass der andauernde, stille Druck des „zu früh“ die Eigenarten eines Kindes immer mehr in Befindlichkeitsstörungen wandelt. (4) Genau das geschieht, wenn ein aktives Kind hyperaktiv wird, ein verträumtes Kind alle Fähigkeit verliert, sich auf eine Sache zu konzentrieren und ein ordentliches Kind beginnt, stereotyp und zwanghaft zu handeln.

Der Kampf um die Kindheit

Das Problem liegt, laut Payne, in einem unerklärten Krieg um die Kindheit. Wem diese Ansicht einen Tick übertrieben erscheint, sollte folgendes bedenken:

Kim John Payne hat lange Zeit die Welt bereist und Kinder in Flüchtlingscamps behandelt. Als er eine Praxis in England eröffnete, war er schockiert, so viele Ähnlichkeiten im Verhalten der Kinder dort und denen in Flüchtlingscamps zu sehen. Über viele Jahre wurde ihm klar, dass oft gerade Kinder aus begüterten Familien, die ein perfekt sicheres, rundum privilegiertes Leben führten, sich in gewisser Weise ähnlich benahmen, wie Kinder auf der anderen Hälfte des Globus in Kriegsgebieten.

Die Flüchtlingskinder zeigen Auswirkungen post-traumatischer Stress-Störungen, so Payne. „Sie waren sprunghaft, nervös, über die Maßen wachsam, furchtsam vor Unbekanntem und Neuem. Viele hatten ausgefeilte, kleine Rituale zur Bewältigung ihrer alltäglichen Aufgaben entwickelt, wie z.B. sehr spezifische, komplizierte Wege durch das Labyrinth des Lagers zu nehmen, die ihnen irgendwie sicherer vorkamen. Sie zeigten höchstes Misstrauen gegenüber neuen Bekanntschaften, ob mit Erwachsenen oder Gleichaltrigen und einige hatten ein sehr ungezügeltes Temperament.“ (5)

Der Hauptunterschied zwischen beiden Gruppen war der, dass die privilegierten Kinder in England physisch sicher waren. Mental jedoch lebten auch sie in einem Kriegsgebiet in dem sie passende Bewältigungsstrategien entwickeln mussten, um sich sicher zu fühlen. (6)

Wie kann es geschehen, dass ein behütetes Kind der westlichen Welt meint, in einem Kriegsgebiet zu leben? Payne erklärt: „Vertraut mit der Furcht, den Trieben, Ambitionen und dem Tempo des Lebens ihrer Eltern, sind die Kinder bemüht, eigene Grenzlinien zu ziehen, um ihre Sicherheitsbedürfnisse durch Verhaltensweisen zu befriedigen, die nicht eben zielführend und hilfreich sind.“ (7)

Diese Kinder leiden an einer, wie Payne es nennt, „kumulativen Stress Reaktion.“ Es gab kein bedeutendes Trauma in ihrem Leben, nur das beständige tropf, tropf, tropf, des zu viel, das sie weder verarbeiten, noch abschalten konnten. (8)

In England, Canada, und auf der ganzen Welt schützen wir Kinder vor physischer Gewalt mehr denn je. Wir schreiben Kindersitze vor und verbieten Schlittenfahren. Mental jedoch zwingen wir ihnen Erwachsenen-Verhalten und -Zeitpläne auf. Wir sind nicht in der Lage, die auf sie einströmende Informationsflut und die auf ihnen lastenden Erwartungshaltungen zu steuern, deshalb suchen sie nach Steuerungsmöglichkeiten in ihrer Welt, die sie kontrollieren können.

In unserem Interview, erklärte Payne auch die Verbindung zwischen dem Tempo des heutigen Lebens und der Zunahme des Mobbing:

Wer ein Kind vor sich hat, das auf seine „neue normale“ Umwelt mit einer „kumulativen Stress Reaktion“ antwortet, stellt fest, dass dem Kind die Kontrolle über sich selbst entglitten ist und so versucht es verzweifelt, seine Umgebung zu kontrollieren, denn es fühlt, in dem schnelllebigen Umfeld keinen Halt mehr zu finden. Es versucht deshalb, andere zu kontrollieren, was nur ein anderes Wort für Mobbing ist.9

Payne empfiehlt deshalb die gleichen Deeskalationsprozesse für Mobber und Mobbing-Opfer. Deeskalation hilft Mobbern, sich besser zu kontrollieren und den Opfern, emotional stabiler zu werden. (10)

Nicht dem Mainstream hinterherjagen

Die Auswirkungen von Überfrachtung sind mittlerweile überall sichtbar. Wir fürchten, dass unsere Kinder zu kurz kommen, Chancen verpassen, oder ein Talent nicht entwickeln können. Deshalb melden wir sie für alle möglichen Aktivitäten -Sport, Musik, Kampfsport, bildende Künste- an. Wir füllen alle Winkel und Ecken ihrer Zimmer mit Büchern, (pädagogischem) Spielzeug und technischen Spielereien und dazu noch jede freie Minute mit Informationen, Kursen und sportlichen Aktivitäten. Wir leisten Taxi-Dienste zur einen und zur anderen Veranstaltung und wundern uns nur noch, warum das Leben so verrückt geworden ist.

Wenn wir einmal erschöpft innehalten und uns umschauen, sehen wir, dass auch alle unsere Freunde mit diesem Irrsinnstempo durchs Leben rasen, und so nehmen wir an, dass dies ganz normal ist.

Man kann es besser machen. Wenn ein Kind zu sehr beschäftigt wird und ihm zu viele Spielsachen, Beschäftigung und Information zugemutet werden, wird ihm die Zeit gestohlen, die es braucht, die Welt und das eigene, sich entwickelnde Ich zu erfahren und zu ergründen. (11)

Hat ein Kind haufenweise Spielzeug oder Bücher, ist es zu abgelenkt, sich in einzelne davon wirklich zu vertiefen. Spiel und Lernen verflachen. Es fehlt an Zeit und Langeweile (sic), die zu Nachdenken und Kreativität unabdingbar sind. So wird alles unbefriedigend und das Kind ist ständig auf der Suche nach dem Super-Spielzeug, das es jetzt unbedingt noch haben muss.

Kim John Payne ermutigt Eltern mit seinem Konzept des „Simplicity parenting“ -etwa: Einfachheit in der Erziehung- Eltern, den Kindern weniger Spielzeuge in die Hand zu geben, sodass das Kind sich mit den einzelnen intensiver beschäftigt. Kinder brauchen Zeit und Raum zum Spielen und zur Entwicklung von Imagination.

„Simplicity parenting“ legt einen besonderen Schwerpunkt auf den Nutzen unverplanter Zeiten, die dem Kind die Möglichkeit zur Erholung und zum Wachsen geben. Solche Zeiten sind, ähnlich wie Schlaf vital für die Entwicklung des Kindes. Sie geben Kindern die innere Ruhe, um ihre Emotionen zu bewältigen und ein Gefühl für das eigene Ich zu entwickeln.

Die beste Vorbereitung für eine Welt im Wandel

Einige mögen denken, Payne wolle die Uhr auf einfachere Zeiten zurückdrehen und so das Tempo des täglichen Lebens reduzieren. Weit gefehlt. Seine Absicht ist vielmehr, unnütze Geschäftigkeit heraus zu filtern. In unserem Interview sagte er, „simplicity parenting“ sei heute der beste Weg, Kinder auf eine Zukunft vorzubereiten, die ihnen Kreativität, Innovation und Anpassungsfähigkeit als Schlüssel zum Erfolg abverlangt. Und da sie fähig sein müssen, mit Jobwechseln klar zu kommen, müssen sie fähig zur Selbstmotivation sein. (12)

Wenn Eltern meinen, ihren Kindern beste Chancen zu eröffnen, indem sie ihre Zeit mit allen möglichen Aktivitäten vollstopfen, sage ich ihnen, dass das, was Kindern wirklich hilft und sie für die Zukunft fit macht, genügend Auszeiten sind, in denen sie sich selbst motivieren und nicht ständig unter Druck sehen, eingeplante Aktivitäten wahrzunehmen. Eltern sollten darauf sehen, ihren Kindern Zeit zu geben, sich zu langweilen, da aus der Langeweile Selbstmotivation entsteht. „Simplicity parenting“ schaut in die Zukunft und bewirkt das genaue Gegenteil von Tempo-bewussten Eltern, die ihre Kinder unwillentlich für eine Welt erziehen, die nicht länger existiert. (13)

Seine Auffassung wird durch eine neue Studie über Sport im Kindesalter gestützt. Man fand heraus, dass die Zeit, die Kinder im organisierten Sport zubrachten, bei ihnen als junge Erwachsene zu einem deutlich messbaren Verhältnis geringerer Kreativität stand, während Zeiten zwangloser sportlicher Aktivitäten mit höherer Kreativität im Erwachsenenalter belegt werden konnte. (14) Es ist dabei nicht der organisierte Sport, der die Kreativität beeinträchtigt, sondern das Fehlen von Auszeiten. Allein zwei Stunden unstrukturiertes Spielen pro Woche treibt die Kreativität von Kindern auf überdurchschnittliche Level. (15)

Der Co-Autor der Studie Matthew Bowers bietet eine mögliche Erklärung. „Zwangloser Sport, der in einem unstrukturierten und unbeaufsichtigten Umfeld stattfindet, greift viele der Elemente auf, die mit dem Entwicklungsnutzen des Spiels für Kinder einhergehen. Dieses Umfeld bietet Kindern die Freiheit, sich selbst zu organisieren, Regeln aufzustellen, Problemlösungen zu finden und soziale Konflikte nach eigenen Bedingungen zu lösen“. (16)

Die wichtigste Erkenntnis ist hier die „Bedeutung der Ausgewogenheit“- Kernpunkt des „simplicity parenting“. Kinder haben einen großen Nutzen, wenn ihre Eltern geplante Zeiten und Auszeiten vernünftig ausbalancieren und die Flut des „zu viel“ filtern.

Balance ist absolut angeraten, wenn wir die Kindheit vor Überfrachtung schützen wollen, damit ihre vielfältigen Entwicklungsprozesse sich entfalten können.

Im zweiten und letzten Teil werden wir die vier Bereiche betrachten, für die Payne eine Vereinfachung anrät - und wie Eltern diesen lohnenden Prozess angehen können.

--> zum zweiten Teil

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Eloise Cataudella ist Communications-Manager am Institute of Marriage and Family Canada, a MercatorNet partner site. Der Beitrag kann als pdf-Datei von der IMFC website heruntergeladen werden.

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Anmerkungen:

1. This article is based on an interview of Dr. Kim John Payne by Andrea Mrozek on March 14th, 2013. Dr. Payne is a family counselor and author of the 2009 bestseller Simplicity Parenting: Using the extraordinary power of less to raise calmer, happier, and more secure kids.
2. Payne, K.J. (2009). Simplicity Parenting. New York: Ballantine Books, p 5.
3. Interview of Dr. Kim John Payne by Andrea Mrozek, March 14th, 2013.
4. Ibid.
5. Payne, K.J. (2009). Simplicity Parenting. New York: Ballantine Books, p 7.
6. Interview of Dr. Kim John Payne by Andrea Mrozek, March 14th, 2013.
7. Payne, K.J. (2009). Simplicity Parenting. New York: Ballantine Books, p 8.
8. Ibid, p. 9.
9. Interview of Dr. Kim John Payne by Andrea Mrozek, March 14th, 2013.
10. Ibid.
11. Payne, K.J. (2009). Simplicity Parenting. New York: Ballantine Books, p 5.
12. Interview of Dr. Kim John Payne by Andrea Mrozek, March 14th, 2013.
13. Ibid.
14. Bowers, M.T., Green, B.C., Hemme, F, and Chalip, L. (2014). Creativity Research Journal, Vol. 26, Iss. 3, Assessing the Relationship Between Youth Sport Participation Settings and Creativity in Adulthood
15. Bowers, M. (2014, December 28). Making your kid play organized sports could cost them their creativity
16. Ibid.