Ehe und Familie aus christlicher Sicht (1)

Ehe und Familie aus christlicher Sicht (1)
Bei den aktuellen Diskussionen im Rahmen der Familienpolitik kann das Wesen von Ehe und Familie leicht aus dem Blick geraten. So möchten wir in einer Artikelserie Ehe und Familie aus der christlichen Sicht vorstellen.
von Jaume Planas
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Berufung zur Ehe

Verheiratete Frauen und Männer unserer Zeit fragen sich häufig nach dem Ziel der Ehe, junge Leute suchen nach ihrem Sinn. Die Liebesbeziehung ist manchmal mit Ichbezogenheit behaftet, was die Gefahr mit sich bringt, den Partner als Objekt zu bewerten. Dennoch bleibt der Begriff „Ehe in christlicher Hinsicht“ auch heute sehr verlockend: Der Apostel Paulus stellt den Eheleuten die Liebesbeziehung zwischen Christus und seiner Kirche als Modell dar, und Jesus Christus hat sein Leben für sie hingegeben (vgl. Eph 5, 25). Die Kirche betrachtet die Ehe als einen Bund zwischen Mann und Frau: „Der Ehekonsens ist der Willensakt, durch den Mann und Frau sich in einem unwiderruflichen Bund (foedere) gegenseitig schenken und annehmen, um eine Ehe zu gründen.“ (1)
In einer Reflexion über die Ehe sagte der heilige Josefmaria Escrivá de Balaguer: „Die Ehe ist für einen Christen keine bloß gesellschaftliche Einrichtung und noch viel weniger bloßes Heilmittel für die menschliche Schwachheit: Sie ist eine wahrhaft übernatürliche Berufung, sacramentum magnum, Geheimnis, Sakrament in Christus und in seiner Kirche, wie Paulus sagt (Eph 5, 32), und gleichzeitig, untrennbar damit verbunden, ein Vertrag, den ein Mann und eine Frau für immer schließen. (...) Das Familienleben, der eheliche Umgang, die Sorge um die Kinder und ihre Erziehung, das Bemühen um den Unterhalt der Familie und ihre finanzielle Besserstellung, die gesellschaftlichen Kontakte zu den anderen Menschen, dies alles – so menschlich und alltäglich – ist gerade das, was die christlichen Eheleute zur Ebene des Übernatürlichen erheben sollen.“ (2)
Das 2. Vatikanische Konzil hat den Christen daran erinnert, dass die christliche Berufung eine Berufung zur Heiligkeit ist. „Alle Christgläubigen sind also zum Streben nach Heiligkeit und ihrem Stand entsprechender Vollkommenheit eingeladen und verpflichtet.“ (3) Alle Menschen sind also dazu berufen, heilig zu werden, jeder in dem Lebensstand, in dem er sich befindet. Fernando Ocariz bemerkt zum Paulusbrief 1 Kor 7, 20 „Jeder soll in seinem Stand (Berufung heißt es im griechischen Original) bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat: Das bedeutet, dass die christliche Berufung – in sich betrachtet und abgesehen von einigen ihrer besonderen Ausformungen – nicht verlangt, dass man die eigene Stelle in der Welt verändert. Im Gegenteil, sofern diese Berufung gerade verlangt, dass jeder an seiner Stelle bleibt, ist sie ein Beleg dafür, welchen Wert das gewöhnliche Leben mitten in der Welt als Ort und Mittel für die Heiligkeit besitzt, das heißt, wie sehr sie dazu geeignet ist, das Ziel der Berufung zu erreichen.“ (4) Die Beschlüsse Gottes umfangen den ganzen Menschen ein für alle Mal von Ewigkeit her. Die christliche Berufung fängt bei jedem mit der Taufe an. Da beginnt ein Leben, das ein Ziel bereits beinhaltet. Diese Berufung umfasst alles und entscheidet sich durch die Umstände des eigenen Lebens.
Die Heiligkeit wird nicht am Rande der eigenen Situation erreicht, sondern in und durch die eigenen Umstände. Viele sind berufen, sich im Ehe- und Familienleben zu heiligen. Nicht alle sind für die Ehe bestimmt und ehefähig. Der heilige Josefmaria Escrivá war der erste, der die Berufung zur Ehe im eigentlichen Sinne proklamierte und verbreitete, trotz erheblicher Widerstände in der Welt der 30er Jahre (5). Bereits 1939 schrieb er: „Du lachst, weil ich dir sage, dass du ‘Berufung zur Ehe’ hast? – Du hast sie, jawohl, Berufung ...“ (6) In einem Interview mit der Frauenzeitschrift Telva erklärte er (1968): „Es ist wichtig, dass die Eheleute die Würde ihrer Berufung klar erkennen und sich bewusst machen, dass sie von Gott dazu berufen sind, gerade durch die menschliche Liebe zu seiner Liebe, der Liebe schlechthin, zu gelangen; dass er sie von Ewigkeit her auserwählt hat, durch die Zeugung und Erziehung ihrer Kinder an der göttlichen Schöpfermacht teilzunehmen; und dass der Herr von ihnen erwartet, ihr Haus und ihr ganzes Familienleben werde zum Zeugnis christlicher Tugenden. Die Ehe – ich werde nicht müde, es zu wiederholen – ist ein herrlicher, großartiger Weg zu Gott. Und wie alles Göttliche in uns besitzt auch sie ihre konkreten Ausdrucksformen der Mitwirkung mit der Gnade, der Großherzigkeit, der Hingabe und der Dienstbereitschaft.“ (7)
Es liegen zahlreiche Aussagen von Josefmaria Escrivá über den Berufungscharakter der Ehe vor. Eine 1970 gehaltene Homilie trägt sogar den Titel Die Ehe, eine christliche Berufung. Diese und andere Stellen beweisen, dass die Begriffe „Ehe“ und „Berufung“ bei ihm verknüpft sind. Damit geht dieser Autor viele Schritte weiter, als andere Autoren seiner Zeit zu gehen gewagt haben. Abgesehen von den gewöhnlichen Mitteln, die für alle Christen gelten, enthält die Ehe immanent bestimmte Elemente, die für die höchste Fülle des Christseins erforderlich sind. Eine solche Auffassung führt notwendigerweise zu einer ganzen Reihe von Folgen:
1. Das geistliche Leben der Eheleute soll sich dementsprechend im Bereich des Ehelebens selbst entwickeln: „Die Eheleute sind dazu berufen, ihre Ehe und dadurch sich selbst zu heiligen; deshalb wäre es falsch, wenn sie ihr geistliches Leben abseits und am Rande ihres häuslichen Lebens führten.“ (8)
2. Die Fähigkeit des menschlichen Körpers, bis zu einem Sakrament erhoben zu werden, umfasst die tiefste Bedeutung der Materie: „Die Ehe ist ein Sakrament, das aus zwei Leibern ein Fleisch macht, wie es in der Theologie etwas drastisch heißt. Die Leiber der Brautleute selbst sind die Materie des Sakramentes. Der Herr heiligt und segnet die Liebe des Mannes zur Frau und der Frau zum Manne: Er hat nicht nur die Vereinigung ihrer Seelen, sondern auch die ihrer Leiber gewollt. Kein Christ, ob zum ehelichen Leben berufen oder nicht, kann dies abwerten.“ (9)
Diese Wirklichkeit hat zur Folge, dass das geistliche Leben in der Materie selbst wurzelt: „Und ihr werdet den Wunsch verspüren zu beten, jedesmal wenn ihr diese eindrucksvolle Wirklichkeit bedenkt: Etwas so Materielles wie meinen Leib hat sich der Heilige Geist erwählt, um darin Wohnung zu nehmen ..., ich gehöre nicht mehr mir selbst ... mein Leib und meine Seele – mein ganzes Sein – ist Eigentum Gottes ... Und dieses Gebet wird reich an praktischen Folgen sein, die sich alle aus dem ergeben, was Paulus sagt: Verherrlicht also Gott in eurem Leibe (1 Kor 6, 20)“ (10).
3. Der Weg zur Heiligkeit geht bei den Eheleuten entschieden durch die Ehe, die sich weder am Rande des Weges befindet, noch ein Hindernis auf diesem Weg sein kann: „Seit über vierzig Jahren werde ich nicht müde, in Wort und Schrift zu wiederholen, dass diese heilige menschliche Liebe keineswegs etwas nur Erlaubtes oder Geduldetes am Rande der wahren Werte des Geistes ist, wie der falsche Spiritualismus meinen könnte, den ich vorhin erwähnte. Heute beginnen das endlich auch diejenigen zu begreifen, die bisher kein Verständnis dafür aufbrachten. Die Liebe, die zu Ehe und Familie führt, kann zugleich ein Weg Gottes, ein herrlicher Weg der Berufung und der rückhaltlosen Hingabe an den Herrn sein.“ (11)
4. Die Ehe besitzt apostolische Kraft, die zuerst in der eigenen Familie eingesetzt werden soll: „Die christlichen Eheleute müssen davon überzeugt sein, sie sind dazu berufen, sich zu heiligen, indem sie anderen helfen, heilig zu werden; sie sind berufen, Apostel zu sein, und die eigene Familie stellt ihre wichtigste apostolische Aufgabe dar.“ (12)
Darüber hinaus strahlt diese apostolische Dynamik in die ganze Welt aus. Wer aus Christus lebt, der macht Christus kund: „Es ist sehr wichtig, dass der Sinn für die Ehe als Berufung niemals verdunkelt wird: weder in der Verkündigung noch in der Katechese, noch im Bewusstsein derer, die Gott auf diesem Wege haben will, denn sie sind wirklich berufen, an den göttlichen Heilsplänen zur Rettung aller Menschen mitzuwirken.
Deshalb gibt es für die christlichen Eheleute wohl kein besseres Beispiel als das der Familien aus der apostolischen Zeit: den Hauptmann Cornelius, der sich dem Willen Gottes gefügig zeigte und in dessen Haus sich die Öffnung der Kirche gegenüber den Heiden vollzog (Apg 10, 24-48), Aquila und Priszilla, die das Christentum in Korinth und Ephesus ausbreiteten und den heiligen Paulus in seinem Apostolat unterstützten (Apg 18, 1-26), Tabitha, die voll Liebe für die Christen in Joppe sorgte (Apg 9, 36), ebenso die Häuser so vieler Juden und Heiden, Griechen und Römer, in denen die Predigt der ersten Jünger des Herrn Frucht brachte. Familien, die aus der Kraft Christi lebten und Christus verkündeten; kleine christliche Gemeinschaften, die wie Brennpunkte des Evangeliums waren.
Es waren Familien wie so viele andere Familien jener Zeit; aber sie waren von einem neuen Geist beseelt, der alle ansteckte, mit denen sie verkehrten. So waren die ersten Christen, und so müssen wir Christen von heute sein: Boten des Friedens und der Freude, die Christus uns brachte.“ (13)
(wird fortgesetzt)
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Anmerkungen
(1) Codex des kanonischen Rechtes (CIC), Can.1057 § 2; vgl. auch Can 1055.
(2) Escrivá de Balaguer, J., Die Ehe, eine christliche Berufung, 25.12.1970 in: Christus Begegnen. Adamas, Köln 1981 (5), Nr. 23.
(3) Konstitution Lumen gentium, Nr. 42. Papst Paul VI. sagte: Die allgemeine Berufung zur Heiligkeit aller Gläubigen bildet “den eigentlich spezifischen Teil der gesamten Lehraussage des Konzils und sozusagen dessen tiefstes Anliegen”. Motu proprio Sanctitatis clarior, 9.3.1969, 12. AAS 61 (1969) 149f.
(4) Rodríguez, Pedro –Ocariz, Fernando –llanes, José Luis: Das Opus Dei in der Kirche. Bonifatius, Paderborn 1997, 124f.
(5) 1932 schrieb Escrivá: „Wie klar musste für alle, die im Evangelium aufmerksam zu lesen verstanden, dieser allgemeine Ruf zur Heiligkeit im gewöhnlichen Leben und im Beruf sein, ohne das es nötig ist, das eigene Milieu zu verlassen! Und doch hat die Mehrheit der Christen Jahrhunderte hindurch diesen Ruf nicht verstanden: für sie war das asketische Phänomen unvorstellbar, dass viele auf diesem Wege die Heiligkeit suchen sollten, ohne ihren Platz zu verlassen, indem sie den Beruf heiligten und sich im Beruf heiligten. Und da man sich nicht an diese Lehre hielt, geriet sie auch bald in Vergessenheit.“ Brief, 9.1.1932, Nr. 91, zit. in: ebd., 123.
(6) Escrivá de Balaguer, Josemaría: Der Weg, Adamas, Köln 200212, Nr. 27. –Escrivá sprach sogar von einer „speziellen Berufung“ zur Ehe. Instruktion 9.1.1935, Nr. 237, in: Escrivá, Josemaría: Camino. Edición crítico-histórica (bearbeitet von Pedro Rodriguez). Rialp, Madrid 2002, Kommentar zu diesem Punkt des Weges. –Der Gedanke der Berufung zur Ehe war in jener Zeit unvorstellbar. Man glaubte, dass die Verheirateten nicht fähig wären, eine Berufung zur christlichen Vollkommenheit zu erlangen. Unter den Seelsorgern war es nicht üblich, den Weg der Vollkommenheit denjenigen aufzuzeigen und sie dahin zu führen, in denen kein klares Zeichen zu erkennen war, Berufung zum Kloster zu haben. Vgl. Escrivá, Josefmaria: Instruktion Mai 1935/September 1950, Nr. 12, zit. in: Vázquez de Prada El Fundador del Opus Dei. Vida de Josemaría Escrivá de Balaguer. Rialp, Madrid, 2003, Bd. III, 155.
(7) Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer. Adamas, Köln 1992(4), Nr. 93.
(8) Escrivá de Balaguer, Josemaría: Die Ehe, eine christliche Berufung, in: Christus Begegnen, Nr. 23.
(9) Ebd., Nr. 24.
(10) Ders.: Homilie Die Welt leidenschaftlich lieben, 8.10.1967, in: Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer, Nr. 121.
(11) Ebd.
(12) Ders.: Interview mit der Frauenzeitschrift Telva, 1.2.1968, ebd., Nr. 91.
(13) Ders.: Die Ehe, eine christliche Berufung, in: Christus Begegnen, Nr. 30.

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