Bedeutet digitales Lernen das Ende von Bildung?

von Elise Italiano - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Eine radikale Lern-Veränderung

Die Schwestern - im Schuldienst - gaben zu, dass dies eine der größten Herausforderungen sei, denn sie verstünden ihre Aufgabe als Erzieher dahingehend, ihren Schülern nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch ihre Persönlichkeit zu formen.

Eine Schwester kommentierte: „Wir unterrichten sie in angenehm gestalteten Klassenräumen, wir ermutigen sie, Beziehungen, ja Freundschaften aufzubauen, miteinander zu reden. Wir müssen diese Bedingungen während der Schulzeit schaffen, also in den sieben Stunden pro Tag, die sie hier verbringen und ihnen dazu die Gelegenheit bieten.“

Diese Sicht auf den Bildungsauftrag, die auf der zielgerichteten und ruhigen Arbeit der Schüler unter Anleitung des Lehrers basiert, hat aggressive Konkurrenz bekommen: Computer mit LED-Bildschirm und Bildungs-Apps sind mit dem Segen der Behörden auf dem Vormarsch. Viele amerikanische Schulen, öffentliche und private, setzen sog. „1:1-Programme“ um, in denen jeder Schüler und Student mit Laptop, E-Reader und Tablet ausgerüstet wird. Diese Programme bedeuten mehr als nur einen Kurswechsel in der Pädagogik, sie stehen für einen radikalen Schwenk bei Bedeutung und Wesen der Erziehung.

Im Juni 2013 startete die Obama Administration das Programm ConnectED, eine Initiative für K-12 Schulen (Kindergarten bis 12. Klasse), die das Ziel hat, 99% der amerikanischen Schüler drahtlos ins Internet zu bringen. In diesem Rahmen werden lokale Schulträger ermutigt, Geräte für Schüler zu kaufen und die Budgets zu erhöhen, damit auch die Lehrer ausreichend ausgebildet werden, mit solchen Geräten zu arbeiten. Lehrer werden ermutigt, mehr Computer-basierte Tests anzubieten und den Papierverbrauch zu reduzieren.

Das Weiße Haus führt dazu aus: Wir müssen unsere Schulen breitbandig vernetzen, insbesondere wenn diese Technologie genutzt werden kann, stärker personalisiert zu lernen. Dies beginnt bei digitalen Schulbüchern, die es den Schülern ermöglichen, selbst komplexe Lerninhalte zu visualisieren und interaktiv zu bearbeiten, führt über Apps und Plattformen, die sich dem Lernstand eines jeden Schülers anpassen und bietet Lehrern jederzeit präzise Kontrolle darüber, welche Lektionen oder Aktivitäten erfolgreich abgeschlossen wurden. Diese Technologie ist realistisch, sie ist erhältlich und ihr Potenzial, schulische Bildung zu verbessern, ist umfassend. Die USA waren den größten Teil des 20. Jahrhunderts mit ihrem Bildungssystem führend in der Welt. Doch die USA fallen zurück. Viele unserer Konkurrenten investieren heftig in digitale Lernsysteme und Technologie-gestützte Bildung. Unsere Konkurrenzfähigkeit hängt davon ab, ob wir in der Lage sind, die Graduierten zu produzieren, nach denen die Wirtschaft verlangt.

Diejenigen, die die Ansichten des Weißen Hauses teilen, eint drei Hauptargumente:

1) Bildung sollte weitestgehend individualisiert werden;
2) Digitale Interaktion mit Konzepten und Ideen ist ein effektives und wünschenswertes Mittel beim Lernen;
3) Bildung sollte in erster Linie darauf zielen, Schüler mit Fähigkeiten für das Arbeitsleben auszustatten.

Lehrpersonen, die gern mehr Technologie in den Schulalltag integrieren wollen, sollten sich der möglichen Herausforderungen wohl bewusst sein, die sich aus den o.a. Argumenten ergeben. Anstatt jeden Schüler einfach mit Geräten auszurüsten, sollte die Integration von Informationstechniken in den Lernprozess mit Augenmaß geschehen.

Individualisierung

Bildung sollte personalisiert sein. Befürworter von Montessori und häuslichem Unterricht bewerben diese Programme seit Jahrzehnten. Kinder lernen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, haben unterschiedliche Stärken und Interessen, weshalb Programme, die Lernerfolge und Neugier beschleunigen, helfen sollen, an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden müssten. Doch beim Digitalen Unterricht wird aus der Sorge der Obama Administration um eine „weitestgehend personalisierte Bildung“, wohl eher eine „weitestgehend individualisierte Bildung“. Der Einbau eines Bildschirms in irgendeine Umgebung bedeutet eine Beeinflussung eben dieser Umgebung. Beziehungen verändern sich, wo Smartphones oder andere elektronische Geräte genutzt werden. Abgesehen einmal von einem Notruf, sendet jemand, dem danach ist, seine virtuellen Freunde oder Bekanntschaften zu kontaktieren oder im Netz zu surfen, seinem Gegenüber die Botschaft: Du bist mir jetzt nicht wichtig.

In einem solchen Umfeld ist es schwer genug, Schülern den Wert zu vermitteln, sich eine Meinung anzuhören, in Ruhe einen Text zu lesen oder ein Argument, mit dem sie nicht einverstanden sind, oder das schwer zu begreifen ist, zu bedenken. Geduld, Anstrengung und das Ringen mit sich selbst sind unverzichtbare Bestandteile des Lernprozesses. Hier liegt der Schlüssel zur Bildung: die Schüler werden mit der Gelegenheit konfrontiert, eine Idee, einen Text oder eine Person kennen zu lernen, die ihr ganzes Leben ändern können. Steht dagegen auf jedem Tisch ein eingeschalteter Laptop, wird der Lehrer schlussendlich öfter sagen müssen: „Wenn Du kein Interesse daran hast, was ich hier erzähle, kannst Du Dich gern abmelden.“

Das Design dieser Technologien (ver)führt zu Multitasking, nicht jedoch zu konzentriertem Arbeiten, zum ruhigen Überlegen oder gar zum Staunen. Trägt der Lehrer etwas vor, können sich die Schüler problemlos ausklinken und sich, ob für die Schule oder zum Vergnügen, andere Apps anschauen, sie können im Web surfen, Emails checken, usw. Schulen, denen an Lebenserfahrung, Fachwissen und Führungsstärke ihrer Lehrer etwas liegt, werden diese schließlich bitten müssen, nicht allein sinnvolle Inhalte zu vermitteln, sondern die Schüler darüber hinaus permanent zur Aufmerksamkeit anzuhalten. In Konkurrenz um Aufmerksamkeit mit einem PC werden Lehrer zu Entertainern mutieren. Da tröstet doch das Versprechen der Beamten des Weißen Hauses: „Digitale Klassenzimmer verhindern, dass Schülern der Unterricht jemals langweilig werden kann.“

Schon vor der Einführung des 1:1 Programms gab es eine Veränderung im Bild des amerikanischen Lehrers. In ihrem Beitrag: The Republic of Noise: The Loss of Silence and Solitude in Schools and Culture, macht Diana Senechal deutlich, dass Schulen sich zu einem „Werkstatt-Modell“ gewandelt haben, in dem der Lehrer nicht als „Weiser auf dem Podium“ sondern als „Begleiter an der Seite der Schüler“ gesehen wird. Anstatt vom Lehrer zu lernen, sollen die Schüler voneinander lernen, der Lehrer ist nur noch dazu da, den Lernprozess zu moderieren.

Natürlich lernen Schüler von den Erkenntnissen ihrer Klassenkameraden, doch haben Lehrer sonst noch etwas zu bieten, als ihre Fähigkeit, die Richtung vorzugeben? Ist Bildung nur ein Austausch von Ideen oder Informationen, oder gehört dazu eine persönliche Kommunikation? Schüler erinnern sich im Allgemeinen nicht an den „Begleiter an der Seite“. Sie erinnern sich aber an Lehrer, die ihnen wichtige Kenntnisse über das Leben beigebracht haben, indem sie sie an ihren Erfahrungen, Interessen und Hobbys teilhaben ließen.

Doch selbst die Schulen, die sich dafür begeistern, werden sich mit der Umsetzung des 1:1 Programms schwer tun. Wenn alles, was ein Schüler lernen soll, auf seinem Bildschirm verfügbar wird, wird das gemeinschaftliche Lernen im Klassenverband auf der Strecke bleiben. Wenn Schulen den sozialen Aspekt der Bildung für wichtig halten, werden sie Wege finden müssen, deutlich zu machen, warum nicht alle Klassen online gehen sollten und welcher Wert in der Zusammenarbeit bei der Suche nach Wahrheit liegt.

Die Qualität des Digitalen Lernens

Obwohl es klar ist, dass Technologie die Art, wie wir lernen, verändern wird, so ist absolut noch nicht klar, ob sie das Lernen verbessert. In einem Artikel des Scientific American von November 2013 untersuchte Ferris Jabr die Unterschiede beim Lesen von Tablets und Druckwerken. Jabr schrieb: „Die Technologie wird zweifellos immer bedienungsfreundlicher und populärer, doch belegen die meisten Studien seit 1990, dass Papier immer noch Vorteile gegenüber dem Lesen am Bildschirm hat.“ Nach Jabr produziert der Leser eine mentale Landschaft aus dem Text, in der er sich orientieren und eine bestimmte Passage dort wiederfinden kann, wo sie stand.

Darüber hinaus zitiert der Autor aus norwegischen Studien, die das Lesen an elektronischen Geräten als ermüdend einstufen. Obwohl die Hersteller die Bildqualität immer weiter verbessern, ist noch nicht klar, ob permanentes Lesen am Bildschirm gegenüber Papier zu bevorzugen ist.

In einem Experiment in Schweden schnitten Probanden, die einen Leseverständnistest am PC durchführten schlechter ab und waren stärker gestresst und ermüdet als die Gruppe, die den gleichen Test von Papier absolvierte. Die Forscher schlossen aus dem Experiment, dass der Prozess des Scrollens einen negativen Effekt auf Gedächtnis und Verständnis hat, da der Leser permanent dazu gezwungen wird, nicht nur den Text, sondern auch die Verschiebung des Textes zu beachten.

Auch interaktive Links und Apps, die in bestimmte Texte der e-Reader eingebettet sind und die die ConnectED Initiative so lobend herausstellt, dienen eher der Ablenkung als der Einprägung. Eine Studie von 2012 am Joan Ganz Cooney Center in New York City untersuchte, ob Kinder eher Details aus Büchern oder von E-Books mit Animationen, Videos und Spielen, erinnern. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass animierter Schnickschnack die Aufmerksamkeit der Kinder von den Inhalten weg auf das Gerät selbst lenkt.

Ein weiteres Opfer der Umsetzung des 1:1 Programms in Schulen wird die Schreibfähigkeit der Schüler sein. Anders als Laptops oder PCs, sind viele Geräte, die in Schulen zum Einsatz kommen, nicht für Textverarbeitung gebaut. Hinzu kommt, dass die „auto-korrekt“ Funktion in vielen Produkten den Schülern suggeriert, es sei nicht mehr notwendig, sich mit Rechtschreibung und Grammatik abzuplagen. Die Ausdrucksweise in Textnachrichten findet heute bereits ihren Weg in akademische Papiere. Es ist schwer vorstellbar, dass Schüler, die außerhalb der Schule verstümmelte Botschaften absondern, im selben Moment, wo sie den Klassenraum betreten, auf denselben Geräten zu Meistern der Schreib- und Grammatikkünste avancieren.

Wenn künftig verlangt wird, dass Schüler auf ihren Tablets etc. ihre Unterrichtsnotizen mitschreiben, riskieren sie, einen wesentlichen Schritt im Lernprozess zu überspringen: aufzuschreiben, was sie sehen und hören. Forschung legt nahe, dass die Integration von visuellen, kognitiven, motorischen und Wahrnehmungs-Prozessen beim Schreiben nicht nur mit erinnern und abrufen, sondern auch mit lernen und verstehen verknüpft ist. Viele der neuen Geräte bieten nur eine virtuelle Tastatur, die dem Schreiber keine taktile Empfindung bietet. Darüber hinaus wird das Mitschreiben zum Abkupfern dessen, was ein anderer sagt und nicht zu einer Verdichtung des Gesagten, Gesehenen und Gehörten mit eigenen Worten. Wenn der Schüler Unterrichtsstunden in Bild und Ton aufnehmen kann, warum sollte er dann überhaupt im Unterricht aufmerksam sein?

Das Ende von Bildung

Die dritte Annahme, dass das ultimative Ziel von Bildung die Produktion effizienter und ausgebildeter Menschen für den Arbeitsmarkt sei, wurde bereits früher heftig kritisiert. Natürlich brauchen wir Schüler und Studenten, die wissen, wie die neuen Informationstechnologien einzusetzen sind, jedoch sollte man nicht so tun, als seien die Kinder außerhalb des schulischen Umfelds davon unbeleckt. Nach einer Studie der Kaiser-Family-Foundation aus dem Jahr 2009, verbringen Schüler im Alter von 8 bis 18 Jahren im Durchschnitt 7 Stunden und 38 Minuten pro Tag mit digitalen Medien, oft mit mehr als einem Gerät gleichzeitig.

Unsere Kinder sind wahre Adepten beim Gebrauch von Smartphones und Tablets. Apple feiert sich selbst, wie „intuitiv“ ihre Produkte doch sind. Es ist nicht Aufgabe der Schule, Kinder in den Gebrauch dieser Geräte einzuweisen. Die Schule ist dazu da, denkfähige, intelligente und vortreffliche Schüler heranzubilden, die unsere Kultur und Ökonomie mit bedenkenswerten, intelligenten und herausragenden Impulsen voranbringen.

Hier ein Zitat von Stratford Caldecott, Autor von Beauty for Truth’s Sake: On the Re-enchantment of Education: „Die meisten von uns lassen einfach zu, dass Entwicklungen in Wissenschaft und Technologie unsere Zukunft bestimmen. Wir sehen unsere Aufgabe darin, den Halt nicht zu verlieren, zu überleben und die Angebote, die uns auf unserem Weg gemacht werden, anzunehmen. Doch in diesem Prozess … werden wir selbst immer mehr zu Karikaturen des Menschen. Wir werden darauf reduziert, Produzenten und Konsumenten zu sein, wir produzieren unsere Arbeit, um konsumieren zu können. Wir häufen mehr und mehr Dinge an und doch erscheint uns unsere Welt immer dünner und substanzärmer, genauso wie unsere Seelen. Bildung ist der Weg zu wahrer Menschlichkeit und Lebenserfahrung.“

Um Schüler bestmöglich zu bilden, sollten Schulen nur dann Medien und Geräte im Klassenraum einsetzen, wenn durch sie wirklicher, authentischer Lernerfolg möglich wird und es sollte Übereinkunft bestehen, die Geräte abzuschalten, wenn die Schüler abgelenkt werden. Wenn wir keine Erzieher finden, die Raum für Stille und Nachdenken schaffen wollen, werden wir feststellen, was mit einer Generation von Kindern geschieht, die zwar permanent vernetzt, aber total abgekoppelt von sich selbst und ihren Mitmenschen dahintreiben.

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Elise Italiano lehrt Bioethik in Washington, DC und schreibt Beiträge in Breaking Through: Catholic Women Speak for Themselves, 
 (Herausgeber Helen Alvaré). Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung von Public Discourse.