Wer hat schon Zeit für Kinder, wenn man so viele Einkäufe machen muss?

Wer hat schon Zeit für Kinder, wenn man so viele Einkäufe machen muss?
Einige Länder haben so niedrige Reproduktionsraten, dass sie in absehbarer Zukunft nicht mehr existenzfähig sein werden. Demographie ist eine Wissenschaft, die zwar mit vielen Fakten, aber erstaunlich wenig präzisen Daten daher kommt.
von Michael Cook - aus dem Englischen übertragen von Horst Niederehe
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Die demographische Entwicklung im Westen und Osten

In den 1960er und 1970er Jahren warnten Demographen vor den Gefahren einer drohenden Überbevölkerung. „Raumschiff Erde“ schien so überfüllt, dass ohne Geburtenkontrolle ein Zusammenbruch der Zivilisation drohte. Doch merkwürdig: heute stehen wir vor einer Krise durch Überalterung der Bevölkerung in den meisten entwickelten Ländern, da es an Nachwuchs fehlt. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung vermehrt sich unter dem Erhaltungsniveau. Mit anderen Worten, Paare produzieren nicht genügend Nachwuchs, um sich selbst zu reproduzieren. Dies wäre erst bei einer TFR (Total Fertility Rate = Reproduktionsrate) von ca. 2,1 Kindern pro Frau gegeben. Doch alle Länder der westlichen Hemisphäre liegen deutlich unter diesem Wert. Die einzige bemerkenswerte Ausnahme bilden die USA, deren TFR von 2,1 der meist hohen Kinderzahl der lateinamerikanischen Einwanderer zu verdanken ist.
Doch auch im mittleren Osten ist die Zahl der Geburten dramatisch gefallen. Im Iran ist die TFR in kürzester Zeit auf 1,77 gesunken.
In Osteuropa sind die Zahlen besonders ernüchternd. Russland steht vor einer demographischen Katastrophe. Dort sterben weit mehr Menschen, als geboren werden, obwohl Präsident Putin eine höhere Geburtenrate als nationale Priorität proklamiert hat. Immerhin ist die Geburtenrate von 1,19 (2000) auf 1,44 (2010) angestiegen. Doch lässt sich die Einwohnerzahl dieses riesigen Landes nur stabilisieren, wenn Immigranten eingelassen werden, die zum größten Teil aus den muslimischen Anrainerstaaten kommen. Damit gehen jedoch Befürchtungen einher, dass Russland zunehmend fremden kulturellen Einflüssen ausgesetzt wird, oder aber dass Chinesen in die spärlich besiedelten russischen Ostgebiete eindringen könnten. In den meisten, ehemals kommunistischen Ländern liegt die TFR bei 1,3 bis 1,4.
Ist Besserung in Sicht?

Die EU konnte kürzlich einen leichten Anstieg bei den Geburten vermelden: Die TFR stieg in den Mitgliedstaaten von 1,47 (2003) auf 1,60 (2008-09). Die allzeit niedrigste Geburtenrate von 1,3 Kindern pro Frau gibt es nun in keinem EU-Land mehr.
England und Frankreich sind auf gutem Weg zum Erhaltungsniveau mit einer TFR von 1,83, resp. 1,97. Die besten Nachrichten kommen aus Russland, wo die TFR von 1,19 (2000) auf 1,54 gestiegen ist, davon 1,42 in Städten und 1,90 in ländlichen Gebieten.
So weit, so gut. Aber sollte dies mehr als ein kurzlebiges Ereignis sein, eine schnelle Erholung, der wieder ein Absturz folgt?
Falscher Pessimismus ist sicher unangebracht, doch muss man sich auch mit dem „Worst-Case-Scenario“ beschäftigen, um gegenüber der Entwicklung nicht gleichgültig zu werden. Dies gilt insbesondere, wenn man sich mit Bevölkerungs-Statistiken auseinandersetzt. Das „Worst-Case-Scenario“ hat einen Namen: die „Low Fertility Trap”, so die bemerkenswerte Theorie von Wolfgang Lutz, vom Institut für Demographie in Wien. Lutz ist einer der führenden Demographen, der u.a. in Zeitschriften, wie Science und Nature publiziert. In der Zeitschrift "Ageing Horizon" stellt er die Frage: Warum sollten wir annehmen, dass die Menschen ein Interesse haben, so viele Kinder in die Welt zu setzen, dass das Erhaltungsniveau erreicht wird? Es wird behauptet, dass Winston Churchill einmal sagte: „Menschen werden immer Kinder haben wollen.“ Doch stimmt dies wirklich? Es gab Zeiten, da Demographen sicher waren, dass die TFR niemals unter das Erhaltungsniveau fallen könnte. Sie irrten. Sie nahmen an, bei TFR 1,5 gäbe es einen Wendepunkt. Wieder irrten sie. Die Zahl sank sogar in einigen Gebieten auf unter 1,0, so in Hongkong oder Moskau. In Peking und Shanghai liegt die TFR gar bei 0,7 – bei einem Drittel des Erhaltungsniveaus also. Warum sollte jemand annehmen, dass die Rate wieder ansteigt? Wenn man so viel einzukaufen hat, wer sollte dann noch Zeit für Kinder haben?
Schreckensszenario China

Schauen wird doch einmal auf China. Nach vierzig Jahren rigoros durchgesetzter Ein-Kind-Politik wächst die Einsicht bei der Regierung, dass ein demographisches Desaster droht. China ist auf dem besten Wege, alt zu werden, bevor es reich werden konnte. Bis 2040 werden die Chinesen im Mittel älter sein, als die Amerikaner, aber sie werden nur über ein Drittel des amerikanischen Pro-Kopf-Einkommens verfügen. „Es wird eine gewaltige demographische Krise geben, wie sie China noch nie erlebt hat“, erklärte Wang Feng, vom Tsinghua Center for Public Policy in Peking, in der New York Times.
Ein kürzlich im Journal Asian Population Studies erschienener Beitrag zeichnet ein erschreckendes Bild von Chinas Zukunft:
„China entwickelt sich immer mehr zu einer 4-2-1 Gesellschaft, in der ein Kind zwei Eltern und vier Großeltern unterstützen muss. Die Chinesen bilden eine Gesellschaft, in der die meisten Erwachsenen wenige Blutsverwandte haben. Kinder haben immer seltener Geschwister, Vettern oder Kusinen, Onkel und Tanten, nur Eltern, Großeltern und manchmal Urgroßeltern. Wenn sich die Geburtenrate nicht erhöht, wird China demographisch mit Japan, Deutschland, Russland, Italien und Spanien vergleichbar sein, Länder, die im Lauf der nächsten 50 Jahre 20 bis 30% ihrer Bevölkerung verlieren werden.“
Es gibt Anzeichen dafür, dass Chinas Politiker über eine Aufweichung der forcierten Ein-Kind-Politik nachdenken, um die Situation zu verbessern. Höchst merkwürdig ist jedoch, dass die Menschen darauf nicht positiv reagieren wollen. „Mittlerweile ist die Ein-Kind-Kultur in der Bevölkerung so verwurzelt, dass die Staatsgewalt sich nicht in der Lage sieht, die Menschen zu ermuntern, mehr Kinder in die Welt zu setzen“, so die Times.
Schlechte Nachrichten aus Asien

Japan, Süd-Korea und Singapur stehen vor ähnlichen Problemen. Es gibt in Japan keinen Konsens, wie die Geburtenrate in dem Land anzuheben sei, das bereits unter Bevölkerungsschwund leidet. Seit mehr als einem Jahrzehnt liegt Japans TFR bei 1,3.
Seit mehr als 20 Jahren werden in Süd-Korea ein- oder zwei-Kind-Familien gefördert. Nun, da die TFR bei 1,29 liegt, stellt man fest, dass die militärische Stärke nicht mehr gesichert ist, weil es bald nicht mehr genügend männlichen Nachwuchs für die Armee geben wird. Aber alle Förderprogramme zur Erhöhung der Kinderzahl blieben bisher erfolglos.
Singapur begann um 1970 das Leben von Familien mit mehr als zwei Kindern durch einschneidende Gesetze zu erschweren. Singapurs TFR liegt nun bei 1,25, allen Fördermaßnahmen, wie Steuererleichterungen, Unterstützungen, Geldhilfen und einem albernen staatlichen Eheanbahnungsservice für Staatsdiener zum Trotz.
Die Möglichkeit, dass Geburtenraten eventuell nicht mehr steigen, wenn sie in einem Land so drastisch gefallen sind, beunruhigt. Bewahrheitet sich dies, sieht die Zukunft solcher Länder düster aus. Eine wachsende Zahl nicht mehr produktiver älterer Menschen erwartet, von einer geringer werdenden Zahl jüngerer, erwerbstätiger Menschen unterstützt zu werden. Als Folge werden Steuertarife steigen und junge Menschen das Land verlassen.
Zwar haben Frankreich und die skandinavischen Länder es geschafft, durch großzügige staatliche Förderung relativ hohe Geburtenraten zu halten. Es sind dies vergleichsweise wohlhabende Länder, deren Förderprogramme seit Jahrzehnten angeboten werden, doch sind auch diese keine Wundermittel und die TFR’s der Länder sind nicht über das Erhaltungsniveau geklettert.
Gründe für die niedrigen Geburtenraten

Lutz sieht keinen erkennbaren Grund dafür, dass die Geburtenrate nicht noch weiter absinken könnte – sogar unter 1,0, auch wenn es unwahrscheinlich sein mag.
Er sieht drei gewichtige Faktoren, die in den Ländern, die heute bereits unter niedrigen Geburtenraten leiden, das Problem noch vergrößern.
1. Der demographische Faktor führt zur Implosion. „Immer weniger Frauen sind reproduktionsfähig, deshalb geht die Geburtenzahl zurück, selbst wenn die Reproduktionsrate auf Erhaltungsniveau ansteigen würde.“ Die Geburtenzahl befindet sich auf einer Abwärtsspirale.
2. Der soziologische Faktor spiegelt die Macht der öffentlichen Meinung wider, die eine Kultur schafft, die Kinder zunehmend ablehnt. „Lebensmaßstäbe und familiäre Ideale werden durch das persönliche Umfeld in der jungen Generation geprägt. Wenn sie in ihrem Umfeld wenige oder keine Kinder vorfinden, werden Kinder für die eigene Lebensplanung nur eine untergeordnete Rolle spielen.“ Kinder zu haben gehört dann nicht mehr zu den erstrebenswerten Zielen der Lebensgestaltung.
3. Der ökonomische Faktor setzt die Maßstäbe für die Familiengröße in Abhängigkeit von Konsumwünschen und verfügbarem Einkommen. Sind die Konsumwünsche dominant, wird an der Kinderzahl gespart. Eine Generation, deren Zukunft düster ausschaut, wird die TFR nicht anheben. Dies wiederum treibt die Abwärtsspirale an. Konkurrenz im Exportgeschäft drückt die Löhne. Die Steuerlast der arbeitenden Bevölkerung wächst, damit die Sozialkosten für die Alten bezahlt werden können. Es gibt weniger Einsteiger-Jobs für junge Leute, ein starker Anreiz, auszuwandern. Bei hohen Sozialkosten für alte Menschen bleiben kaum finanzielle Mittel übrig, die Geburtenrate zu befördern.
Die Schlussfolgerungen solch trockener Theorien sind schreckenerregend für Länder, wie Taiwan (TFR 1,1), Slowakei (1.27) oder Italien (1.38). Diese Länder, aber auch viele andere, könnten, durch Einwanderer kulturell überformt, verschwinden, oder starken Nachbarstaaten einverleibt werden, die die Lücken füllen, die Ungeborene oder ausgewanderte Bürger hinterlassen,
Die Schwierigkeit gesicherter Prognosen

Lutz ist klar, dass man im demographischen Dunkel umherstochert, wenn man versucht, die Abnahme der Fruchtbarkeit in der entwickelten Welt zu beschreiben. „Die Sozialwissenschaften sind noch nicht in der Lage, eine Theorie zu formulieren, die künftige Entwicklungen zu prognostizieren erlaubt“, so schreibt er. „Wie können wir sinnvoll über die Bevölkerungsentwicklung in der Zukunft reden, wenn es keine überzeugende Theorie gibt?“
Als ich dabei war, diesen Artikel abzuschließen, veröffentlichte die „United Nations Population Division“ ihre Vorausschau auf die Bevölkerungsentwicklung bis 2100. Danach soll die Weltbevölkerung von ca. 7 Mrd. heute auf ca. 9 Mrd. 2050 und 10,1 Mrd. 2100 wachsen. Die Reaktion der Medien war vorhersehbar: „Without Birth Control, Planet Doomed”, „Ohne Geburtenkontrolle geht die Erde vor die Hunde“, so der Titel der National Public Radio website.
Doch schaut man die Statistiken genauer an, wird man skeptisch. In den UN-Modellen wird angenommen, dass bei den Geburten Erhaltungsniveau erreicht wird, also etwa 2,1 Kinder pro Frau, in Ländern mit niedriger Mortalität. Mit anderen Worten: man geht davon aus, dass Länder, wie China und Russland die Trendwende, weg von immer weiter sinkenden Geburtenzahlen schaffen. Recht zweifelhaft ist auch die Annahme, dass die Fruchtbarkeit in einigen Ländern abnehmen soll. So schreibt die UN, dass Afghanistans Reproduktionsrate 2100 niedriger läge, als die von Neuseeland. Kann man sich dies auch nur entfernt vorstellen? Wohl nicht, ist Fred Pearce, Kolumnist in Nature überzeugt: „Schaut man sich das vorgestellte Szenario einmal genauer an, scheint es ebenso pervers wie widersprüchlich. Es kommt mir eher als ein politisches Konstrukt, und nicht wie eine wissenschaftliche Analyse vor.“
Die Nachricht von positiver Entwicklung der Geburtenrate in Europa ist ermutigend, doch kaum ein Zeichen einer Trendwende. Professor Lutz erläuterte in einer eMail an MercatorNet, dass diese Entwicklung wohl eine gewisse Torschlusspanik widerspiegele, die Frauen vor Ende ihrer Reproduktionsfähigkeit dazu bewege, noch ein Kind zu haben.
Wirklich überzeugend wäre indes das Umdenken einer ganzen Generation zu der Vorstellung, dass das Leben einfach schön ist, Kinder eine Freude sind und die Zukunft trotz allem, voller Hoffnung ist. Doch eine solche Änderung der Einstellung zum Leben können Demographen nicht voraussagen und Politiker nicht verordnen.
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Michael Cook ist Redakteur bei MercatorNet.
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