Warum explodiert Internet-Dating?

von Denyse O'Leary - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Zwei Faktoren wirkten dabei zusammen. Erstens ist der Anteil der Singles in den letzten Jahrzehnten enorm angestiegen. Zum zweiten spielt das Aufkommen von Dating-Plattformen eine gewichtige Rolle.

Bei der Besprechung einer Pionier-Dating-Plattform im London Review of Books hält Emily Witt fest, dass Match.com’s ursprüngliches Geschäftsmodell…auf einer Markteinschätzung basierte, nach der 50% der Erwachsenen im Jahr 2000 Singles seien. Eine Erhebung im Jahr 2008 ergab, dass 48% der erwachsenen amerikanischen Bevölkerung Single waren; 1960 waren es 28%.

So ist also mittlerweile ein viel größerer Anteil der Bevölkerung auf Partnersuche, und dies natürlich online. Das ganze Leben ist heute online. In Vanity Fair berichtet Nancy Jo Sales:

Zwischen dem 8. und dem 18. Lebensjahr verbringen Jugendliche statistisch mehr als 11 Stunden pro Tag online. Der durchschnittliche amerikanische Teen verbringt beinahe jeden wachen Augenblick mit seinem Smartphone oder Computer oder damit, Fernsehen zu schauen. Diese erdbebenartige Verlagerung beim Zeitvertreib von Kindern hat einen tiefgreifenden Einfluss auf die Art und Weise, wie sie Freundschaften schließen, Beziehungen eingehen und in die Welt der Sexualität eingeführt werden.

Im Jahr 2013 berichteten 81 % der amerikanischen Teenager, die im Internet unterwegs sind, dass sie sich auch in sozialen Netzwerken aktiv bewegen, mehr als je zuvor. Facebook, Twitter, Instagram und neue Dating-Apps, wie Tinder, Grindr, und Blendr werden immer mehr zu Hauptakteuren der sozialen Interaktion, sowohl online als auch IRL (Im realen Leben).

Sie werden wohl kaum aus diesen Abhängigkeiten „herauswachsen“. Doch ist das Internet wirklich ein geeigneter Ort, um nach dauerhaften Beziehungen zu suchen? Oder sind solche Beziehungen im Internet-Zeitalter vielleicht gar nicht mehr so gefragt? Bevor ich mich mit diesen Fragen beschäftige, möchte ich zunächst einmal die Hauptakteure bei den Internet- Dating-Anbietern vorstellen und was sie offerieren.

Der älteste und wohl auch größte, kostenlose, weltweit agierende Online-Dating-Dienstleister Match.com wurde 1995 gegründet, zu einer Zeit also, da viel mehr Männer als Frauen das Internet nutzten. Der Hauptakteur bei Match.com war damals der Computer Spezialist Gary Kremen. Er verließ 1997 das Unternehmen und ist heute, wie Witt anmerkt, „besser bekannt durch seine langwierigen, gerichtlichen Auseinandersetzungen über die Rechte an der Porno-Website sex.com, als für die Entwicklung des Internet-dating.“

Match.com versichert, dass „buchstäblich 100tausende männliche und weibliche Singles in ihrer Umgebung persönliche Kontaktanzeigen auf Match.com eingestellt haben“, die kostenlos durchsucht werden können. Eine Besonderheit ist, dass: der Match Service ein eigenes Team zur Betrugsprävention beschäftigt, welches eifrig im Hintergrund nach verdächtigen Aktivitäten Ausschau hält und diese bei Verdacht untersucht. Es gibt nicht viele freie Plattformen, die diesen Service bieten.

Tatsächlich ist ihr Rat zur Vermeidung von Betrug und bösen Schurken lobenswert, aber auch banal, so wie der Rat der Mutter früher: steige nie in das Auto eines Fremden ein…(Siehe auch: Stop. Think. Connect.)

Wir werden bald sehen, dass die gutgemeinten Ratschläge nicht dagegen helfen, dass sich viele Leute verletzen, verbrennen oder verwundet werden.

OK Cupid ist ein neueres Angebot (gegr. 2004). Die Math Major Entrepreneurs verkauften das Unternehmen an IAC/InterActiveCorp, einen Medienkonzern, der auch Match und Tinder besitzt, für 50 Millionen $. Wie Match, so setzt auch OK Cupid auf Fragetabellen, um die Übereinstimmungen von Partnerprofilen statistisch zu bewerten, wobei ein besonderer Fokus auf die Interessen der Nutzer an Gelegenheitssex gelegt wird. Witt, die einen tiefgründigen Beitrag über ihre Erfahrungen für London Review of Books schrieb, berichtet: Ich fand heraus, dass die Algorithmen mich in die gleiche Kategorie, soziale Klasse und Bildungsstufe einordneten, wie die Menschen, mit denen ich dann Bekanntschaft machte, doch mir keine Voraussage ermöglichten, wen ich mögen würde. Unerklärlich war mir, dass ich sowohl beim online-, als auch beim persönlichen-Dating häufig Vegetarier anzog, obwohl ich selbst keiner bin.

Not okay, Cupid, aber einsame Menschen werden es wohl weiter versuchen und vielleicht irgendwann jemanden finden. Doch was geschieht dann?

Witt lässt sich nicht entmutigen: Andererseits sind Online-Dating-Sites die einzigen Orte, an denen es kein Doppelbödigkeit der Absichten gibt. Es gibt Abstufungen, natürlich, die von einem Kompliment „Du bist hübsch“, bis zum abstoßenden „Hallo, willst Du zu mir rüber kommen, wir rauchen einen Joint und machen dann ein paar hübsche Nacktfotos von Dir“ reichen.

Schließlich gefiel ihr das alles doch nicht so gut: Wie wohl die meisten begann ich mit Internet-Dating, weil ich mich allein fühlte. So stellte ich auch bald - wie viele andere - fest, dass ich nur die Häufigkeit und Anzahl meiner Begegnungen mit anderen Singles steigern konnte, wobei jedes einzelne Treffen immer nur eine Zufallsbegegnung blieb. Internet-Dating zerstörte mein Ich-Bewusstsein als jemand, den ich selbst kenne und verstehe und anderen auch beschreiben kann. Es hatte ähnlich verstörende Effekte auf mein Empfinden, dass andere sich ebenso kennen und selbst beschreiben können. Es ließ mich irritiert über das ganze psychologische Umfeld zurück.

Doch all das war noch nicht schnell genug für den online-Lifestyle. Molly Wood berichtet in der New York Times, dass durch die neuen Smartphone Apps: Online-Dating, das lange durch große Betreiber, wie Match.com und eHarmony dominiert war, im Verlauf der letzten beiden Jahre durch das Emporkommen von Tinder, einer Smartphone App, die es den Nutzern erlaubt, Fotos und kurze Personenbeschreibungen für Wunsch-Dates einzustellen, noch an Attraktivität gewinnt. Dann kann man leicht mit einem Fingerwisch entscheiden, ob man einen Chat beginnt oder ein Angebot macht.

Tinder-Nutzer müssen einen Facebook-Account besitzen, der üblicherweise mit einem Klarnamen verbunden ist, weshalb der Algorithmus passende Personen einander zuordnen kann. Der Vorteil ist, dass keine langen Profile ausgefüllt werden müssen.

Von Deepa Lakshmin bei MTV, erfuhren wir, dass die Hinge App für das Dating ebenso wichtig ist, wie LinkedIn für das Jobhunting: Die App lässt Dich durch alle möglichen Leute stöbern, die Freunde von Freunden sind, und so findest Du oft Menschen, die in dieselbe Schule gegangen sind, wie Du, die Du aber dort nie kennen gelernt hast. Wenn Du jemand passenden findest, kannst Du über die App eine Nachricht an die Person absetzen.

Der Klarname erscheint, was eine schnelle Überprüfung im Internet ermöglicht und wie Lakshmin ergänzt, „gibt es keine Anonymität bei Hinge weshalb auch niemand anrüchige Kontaktlisten, wie bei Tinder erhält“.

Tinder spricht besonders die Gruppe der 18- bis 25-jährigen an, eine Zielgruppe, die die Konkurrenz bis dahin kaum erreichen konnte.

Wie beeinflusst zeigt sich diese Zielgruppe? Und was ist mit den Teens, die noch einige Jahre jünger sind? Die meisten Beiträge zu diesem Thema bieten ein schmalzig süßes Hollywood-Finale: Endlich fanden wir die große Liebe und „jetzt sind wir endlich ein Paar“. Wirklich? Das muss wohl noch im Detail beleuchtet werden.

Anmerkung: Eine weitere, freie Dating-Site, angeblich die größte in den USA ist Plenty of Fish, die angeben, pro Tag ca. 50.000 Singles zu verbinden.

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Denyse O’Leary ist kanadische Journalistin, Autorin und Bloggerin.