Credo (7)

von Martin Eberts
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… Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Der dritte und abschließende Teil des Credo öffnet den Blick in die Zukunft: Vom Bekenntnis zum ewigen Gott und Schöpfer (1), über die Menschwerdung in Jesus Christus auf das Wirken des Heiligen Geistes und auf die „letzten Dinge“.

Dass ausgerechnet in diesem Satz das einzige Wort im apostolischen Glaubensbekenntnis zu finden ist, über das zwischen den christlichen Konfessionen keine Einigkeit herrscht, rührt aus tragischen Verwicklungen in der Vergangenheit (2) her. Dabei ist natürlich Protestanten wie Katholiken gleichermaßen klar, wie das Adjektiv „katholisch“ hier zu verstehen ist – nämlich im ursprünglichen Wortsinne als „umfassend“, den ganzen Weltkreis betreffend.

Über den Heiligen Geist machen sich die meisten Christen nur selten Gedanken; man weiß noch so ungefähr, dass das Pfingstfest (3) mit ihm zu tun hat, aber das ist dann auch schon fast alles. Dabei finden sich im Neuen Testament deutliche Aussagen Jesu über den Heiligen Geist, der als Tröster, Beistand, Anwalt, Verheißung zu den Menschen kommt (4). Jesus tröstet damit schon vor seinem Leiden die Jünger, auch wenn sie die ganze Tragweite dieser Aussagen zuerst kaum verstanden haben dürften; sie werden jedenfalls nicht allein gelassen, soviel war klar. Und das gilt auch heute noch: Gottes Zuwendung zu den Menschen ist keine Episode, sondern ein bleibendes und wirklich umfassendes „Engagement“.

Dass der Heilige Geist (5) vom Vater und vom Sohn ausgeht, mag theologisch kompliziert klingen, ergibt sich aber in der Logik des Credo, das darin der größten Erfahrung der Menschheit folgt, auf ganz natürliche Weise: So wie Gott in Jesus zu den Menschen kam, so bleibt er als Heiliger Geist bei ihnen.

Damit erklärt sich auch, warum die Katholische Kirche als „heilig“ bezeichnet wird – nicht weil alle ihre Mitglieder perfekte Heilige wären, sondern weil in ihr der Heilige Geist wirkt, trotz aller Schwächen, Fehler und Verfehlungen der Menschen (6). So wie Gott sich nicht zu schade war, Mensch zu werden, so erträgt er auch die Fehler und Unvollkommenheiten seiner Kirche, die deshalb trotzdem immer seine Kirche ist.

In der „Gemeinschaft der Heiligen“ sind dann auch alle Gläubigen eingeschlossen, die je gelebt haben, von den ersten Christen an, bis in unsere Zeit, bekannte und unbekannte „Heilige“, die bei Gott sind und denen die Vergebung der Sünden, die Auferstehung und das ewige Leben (7) zuteil werden.

Hier zeigt sich etwas ungemein Tröstliches: Das Streben nach Heiligkeit ist nicht nur etwas für religiöse Genies und wenige moralische Ausnahmebegabungen. Dazu muss man kein Super-Mensch sein. Nach Heiligkeit (und schließlich Teilhabe an der „Gemeinschaft der Heiligen“) können und sollen alle Menschen streben, und das ist sogar ganz einfach (8).

Um in diesem Sinne nach Heiligkeit zu streben, muss niemand sein alltägliches Lebensumfeld verlassen. Jeder Mensch kann sich in seinem normalen Alltagsleben „heiligen“, in seinem Familienleben, in Hausarbeit und Erwerbstätigkeit, genauso auch in Freizeit oder anderen Beschäftigungen (9). So wie das Leben als Christ nicht nur im Sonntagsgottesdienst stattfindet, so ist dieses „sich-heiligen“ etwas für jeden normalen Tag – keine Extra-Leistung, sondern ein „sich-einlassen“ auf den Heiligen Geist. Mehr eine Sache der Einstellung, als der Anstrengung: Eine Haltung, die auch von dem Drängenden und Belastenden des Alltags befreit und entlastet. Sich in diesem Sinne im Alltag zu „heiligen“ ist zugleich der beste Schutz vor Frust und Burn Out…

Das Credo endet mit dem Ausblick auf das „Ewige Leben“. Nach dem über die Auferstehung Gesagten dürfte klar sein, dass damit keine ins nicht-enden-wollende verlängerte Fortsetzung des irdischen Lebens als Super-Greis gemeint sein kann, ebenso aber, dass es um echtes Leben der selben Person geht, nicht nur um ein symbolisches Fortleben in Erinnerungen und Gedanken. Darin liegt der größte mögliche Trost überhaupt: Wir verschwinden nicht im Nichts, und wir werden auch nicht für immer von unseren Lieben getrennt, sondern wieder mit ihnen vereint.

Gemeinschaft der Heiligen… Vergebung... Ewiges Leben… Das gehört zusammen. Und wenn uns Zweifel kommen über dies und das, über uns und andere, über Gott und die Welt, dann finden wir Antworten in der Kirche; in ihr wirkt immer noch der Heilige Geist.

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Anmerkungen

1) Gott ist, wie wir sahen, immer Vater, Sohn und Heiliger Geist; vgl. Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum, a.a.O. S. 258. Siehe auch Teil 5 dieses Essays, Anm. 10.
2) Vgl. hierzu J. Ratzinger: Einführung in das Christentum, a.a.O. S. 322 ff. Die konfessionelle Glaubensspaltung war nicht Teil des Programms der Reformation, aber deren tragische Konsequenz. Seit der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ sind immerhin schon wesentliche theologische Streitpunkte und Missverständnisse ausgeräumt.
3) Apg. 2, 1-42.
4) Vgl. Joh 14,16 ff. und 15, 26 ff.
5) Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Kompendium, Nr. 136 ff.
6) J. Ratzinger: Einführung in das Christentum, a.a.O. S. 324 f.: „Ist nicht die Kirche einfach das Fortgehen dieses Sich-Einlassens Gottes in die menschliche Erbärmlichkeit; ist sie nicht einfach das Fortgehen der Tischgemeinschaft Jesu mit den Sündern…?“
7) Vgl. hierzu Teil 5 und 6, zur Auferstehung und zur Wiederkunft Christi.
8) Vgl. Teil 1, Anm. 2.
9) Vgl. hierzu die Schriften des Hl. Josemaría Escrivá, z.B. „Freunde Gottes“ 2. Aufl. Köln 1979, S. 35 ff: „Die Würde des Alltags” und passim. Vgl. a. 1 Thess 4,3 (zit. ebd. S. 37).

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