Cinderella

(Bild: © Walt Disney Studios)

von José García
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Kenneth Branagh wurde insbesondere durch seine bildgewaltigen Shakespeare-Adaptionen für die große Leinwand – „Henry V.“ (1989), „Viel Lärm um nichts“ (1993), „Hamlet“ (1996), „Verlorene Liebesmüh’“ (2000) – bekannt. Der 1960 in Belfast geborene Regisseur stellte jedoch außerdem seine Vielseitigkeit in ganz anderen Genres unter Beweis: „Mary Shelley’s Frankenstein“ (1994), „Ein Winternachtstraum“ (1996), „Thor“ (2011), „Jack Ryan: Shadow Recruit“ (2013). Nun betritt Branagh erneut Genre-Neuland und inszeniert eines der bekanntesten Märchen aus dem europäischen Kulturraum, das insbesondere durch die Gebrüder Grimm überliefert wurde: „Aschenputtel“ (oder „Aschenbrödel“).

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Filmische Qualität: 4,5 von 5 Punkten
Regie: Kenneth Branagh
Darsteller: Lily James, Cate Blanchett, Richard Madden, Helena Bonham-Carter, Derek Jacobi, Ben Chaplin, Stellan Skarsgård, Hayley Atwell, Holliday Grainger, Sophie McShera
Land, Jahr: USA 2015
Laufzeit: 112 Minuten
Genre: Literaturverfilmung
Publikum: alle (FSK ohne Altersbeschränkung)
Einschränkungen: --
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Für das Disney-Studio als Realfilm produziert, hat „Cinderella“ ein weiteres Vorbild im gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahre 1950, das zu einem großen Erfolg in der Disney-Geschichte wurde. Den Schuh aus Glas (statt des goldenen Schuhs der Grimm-Brüder) und die von Mäusen gezogene Kürbiskutsche übernahm der Disney-Zeichentrickfilm – und mit ihm nun auch Kenneth Branagh – aus der 1697 veröffentlichten französischen Version „Cendrillon oder der kleine gläserne Pantoffel“ („Cendrillon ou la Petite Pantoufle de verre“) von Charles Perrault.

Den Märchencharakter unterstreicht bereits die Off-Stimme, die zu Beginn von Ella und ihrem märchenhaften Leben mit ihren liebevollen und sie vergötternden Eltern erzählt. Allerdings ist Ellas Mutter (Hayley Atwell) sterbenskrank. Vor ihrem Tod kann sie Ella noch eine Verhaltensregel anvertrauen, die sie durch alle Widrigkeiten des Lebens leiten soll: „Sie mutig und freundlich“. Ihr Vater (Ben Chaplin) unternimmt als Kaufmann immer wieder lange Reisen. Von einer dieser Reisen bringt sie eine einschneidende Nachricht mit: Er möchte wieder heiraten. Ella (nun von Lilly James dargestellt) heißt ihre Stiefmutter Lady Tremaine (Cate Blanchett) und deren Töchter Anastasia (Holliday Grainger) und Drisella (Sophie McShera) herzlich in der Familie willkommen. Von einer weiteren Geschäftsreise wird aber Ellas Vater nicht mehr zurückkommen. Nach dessen Tod ist Ella der Eifersucht ihrer nichtsnutzigen Stiefschwestern und der Grausamkeit ihrer Steifmutter ausgeliefert. Sie wird zur Dienerin degradiert und weil Asche aus dem Kamin auf ihrem Gesicht haften bleibt, nur noch mit dem despektierlichen Namen „Cinderella“ gerufen. Ella ist dennoch fest entschlossen, die letzten Worte ihrer verstorbenen Mutter zu achten.

Eines Tages begegnet die junge Frau in den Wäldern einem gutaussehenden Fremden (Richard Madden). In dem jungen Mann namens Kit, der sich als einen Bediensteten im königlichen Palast ausgibt, scheint sie endlich einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Was Ella nicht ahnt: In Wirklichkeit ist „Kit“ der Prinz, der bald heiraten soll, weil sein Vater der König (Derek Jacobi) im Sterben liegt. Als der Hof alle jungen Frauen des Landes zu einem großen Ball einlädt, sieht Ella die Gelegenheit gekommen, Kit wiederzusehen. Doch ihre Stiefmutter macht ihr alle Hoffnung zunichte: Sie verbietet ihr den Besuch des Balls und zerstört gefühllos Ellas Kleid. Der berechnende Großherzog (Stellan Skarsgård) ersinnt seinerseits einen Plan, um die Hoffnungen des Prinzen, wieder mit Ella zusammenzukommen, zunichtemachen zu können. Wie es sich aber für ein Märchen gehört, erscheint Ella jedoch die Gute Fee (Helena Bonham Carter), die mit Hilfe eines Kürbisses, ein paar Mäusen und einem Zauberstab doch noch Ellas Wunsch erfüllen kann.

Kenneth Branagh Verfilmung des bekannten Märchens „Aschenputtel“ besticht insbesondere durch seine visuellen Eigenschaften, durch die bis etwa in die Kleider und Unterröcke der Stiefschwestern farbenprächtigen Kostüme und das gelungene bunte Szenenbild sowie durch Spezialeffekte, die Animationselemente etwa in den magisch veränderten Tieren in die Handlung organisch integrieren. „Cinderella“ schwelgt regelrecht in einer märchenhaften Welt durchkomponierter Bilder.

Für „Cinderella“ konnte Kenneth Branagh auf eine hervorragende Schauspielerriege zurückgreifen: Die bislang lediglich aus der britischen Fernsehserie „Downtown Abbey“ bekannte Lily James gestaltet Cinderella als eine Mischung aus naiver Anmut und Entschlossenheit, wenn es um die Liebe geht. Cate Blanchett verkörpert die böse Stiefmutter mit einer kalkulierten Überzeichnung, die sie in keinem Augenblick der Lächerlichkeit preisgibt. Die australische Darstellerin gestattet sich sogar eine gewisse Ironie, als sie ein Märchen erzählt, bei dem es um sie selbst geht und damit endet: „Und so lebe ich unglücklich bis an mein Ende.“ Bringt Derek Jacobi als König einen beinah Shakespeare-mäßigen Charakter in den Film ein, so brilliert Helena Bonham Carter als magische, aber gleichzeitig schusselige gute Fee.

Dennoch ist dieses Kinomärchen (auch) für Erwachsene nicht bloß ein visuelles Vergnügen. Es verknüpft typisch Kinogenres wie Melodram und Liebesromanze mit den Themen eines klassischen Märchens: Eine junge Frau, die aus sich heraus ihr Schicksal in die eigene Hand nimmt... und von Kräften geholfen wird, die außer ihrer Macht stehen. Dadurch wird sie auch augenscheinlich, was sie schon immer war: eine Prinzessin. Die dann auch in der Lage ist, das ihr angetane Böse zu vergeben. Dadurch kommen Drehbuchautor Chris Weitz und Regisseur Kenneth Branagh mit ihrer dem Original sehr nahen Adaption einem Klassiker sehr nah.