Kinder im Sog der Bildschirmmedien (2)

Kinder im Sog der Bildschirmmedien (2)
In den letzten 30 Jahren hat sich der Fernsehkonsum mehr als verdoppelt und liegt bei durchschnittlich 4 Stunden pro Tag; dazu kommen Computer und Internet. Viele Forscher befassen sich mit den Auswirkungen dieses exzessiven Bildschirmkonsums. Besonders hervorzuheben sind die Folgen auf die Wahrnehmungsentwicklung, die nur ungenügend geschieht, wenn die einzige Erfahrung der Kinder über den Bildschirm verläuft. Die Hirnstrukturen können sich so nur ungenügend ausbilden.
Weiter hat das lange passive Sitzen einen negativen Einfluss auf die körperliche Gesundheit und die schulischen Leistungen. Ein weiterer Punkt ist die Überdosis an Gewaltdarstellungen. Dabei besonders schlimm sind die Computerspiele, bei denen oft Gewalt verherrlicht und Schaden mit Bonuspunkten belohnt wird. Und nicht zuletzt führt viel Zeit vor dem Bildschirm zu einer Vereinsamung und zum Rückzug in eine Scheinwelt. Gleichzeitig ist man bei hohem Fernsehkonsum einer Infiltration ausgesetzt, welche den Einfluss der Familie auf die Erziehung weit übertreffen kann. Fernseher und Computer sind zu einem Miterzieher geworden, und die säkularisierten Werte der Produzenten schleichen sich per Osmose ein.
Was tun?

Die einzige Möglichkeit, die negativen Auswirkungen der Bildschirmmedien in den Griff zu bekommen, ist die Dosis drastisch zu reduzieren und die körperliche und geistige Aktivität der Kinder und Jugendlichen zu fördern. Zudem gilt es, den verbleibenden Konsum mit möglichst hochstehenden Inhalten zu füllen. Grundvoraussetzung ist natürlich, dass die Eltern bereit sind, ihre eigenen Fernsehgewohnheiten und PC- Präsenzen kritisch zu überdenken und dieser Zielsetzung anzupassen.
„Bildschirmmedien für Vorschulkinder sind sicher schädlich“

Auch die Gesellschaft der Schweizer Kinderärzte warnt in der neuen Auflage des Schweizerischen Gesundheitsheftes, das bei jeder Geburt kostenlos an die Eltern abgegeben wird, dass Jugendliche nicht länger als eine Stunde täglich vor dem Fernseher sitzen sollten und dass über sieben Stunden TV- Konsum pro Woche der körperlichen und psychischen Entwicklung von Jugendlichen schade. Die Genfer Kinderärztin Nicole Pellaud, welche das Heft redigierte, sagt sogar, dass Kinder bis zum dritten Lebensjahr überhaupt nie fernsehen sollten. Der Neurowissenschaftler und Psychiater Manfred Spitzer fasst die Forschung so zusammen: Bildschirmmedien für Vorschulkinder sind sicher schädlich, für Primarschulkinder sehr wahrscheinlich schädlich und für Schüler bis zum 10. Schuljahr wahrscheinlich schädlich.
Mehr Zeit zum Leben

Manchmal ist es für Familien einfacher, keinen Fernseher zu haben; so gibt es keine Diskussionen über die Wahl der Sendungen, ELTERN SOLLTEN BEREIT SEIN, IHRE EIGENEN FERNSEHGEWOHNHEITEN UND PC- PRÄSENZEN KRITISCH ZU ÜBERDENKEN - MANCHMAL IST ES FÜR FAMILIEN EINFACHER, KEINEN FERNSEHER ZU HABEN.keinen Kampf um eingehaltene Zeiten, keine negativen Auswirkungen und mehr Zeit zum Leben. Viele Familien haben ein Videogerät, mit dem sie ab und zu ausgewählte Filme anschauen können. Es bleibt die Frage, ob man ohne TV zum Außenseiter wird. In einer Studie konnte gezeigt werden, dass Kinder, die wenig fernsehen, mehr Freunde haben, weniger allein sind, mehr Gespräche führen und häufiger unterwegs sind. Auf die Frage, ob Kinder ohne Fernseher bei den Nachbarn fernsehen würden, schreibt Spitzer, dass seine eigenen Kinder dies eine Zeit lang sehr wohl getan hätten, dass dies bei allen aber nur eine Phase geblieben sei. Da ich selber ohne TV aufgewachsen bin, kann ich dies nur bestätigen. Meiner Meinung nach schadet das "Auswärts schauen" nicht nachhaltig, da man den Umgang mit dem Fernsehen als Gewohnheit vom Elternhaus mitnimmt. Heute muss ich sagen, dass ich vieles von dem, was ich in meinem Leben unternommen habe, nicht gemacht hätte, wenn bei uns ein Fernseher gestanden wäre; dafür bin ich meinen Eltern ein Leben lang äußerst dankbar.
Wer einen Fernseher hat, ist gefordert

Vor allem anderen gilt es auf die Menge des Konsums zu achten. Wichtig ist, genaue Zeiten festzulegen, die Programme vorher auszuwählen, klare Regeln aufzustellen und diese auch durchzusetzen. Kinder sollten nie alleine fernsehen. Eine gute Möglichkeit ist es, den Fernseher einzuschließen. Immer wie- der erzählen mir Kinder, dass ihre Eltern ihnen vertrauen, dass sie nicht fernsehen, wenn sie alleine zu Hause bleiben; dass es aber das erste sei, was sie täten, wenn die Eltern die Wohnungstür hinter sich geschlossen hätten. Dieser Sog ist nicht zu unterschätzen.
Matthias Zehnder, Technologiepublizist am Medienwissenschaftlichen Institut der Universität Basel schrieb in einem Artikel, dass Kinder später als Erwachsene zwar oft am Computer sitzen würden, dies aber kein Grund sei, sie schon im Kindergarten an den PC zu setzen. Die Welt sei voller Computer, die Kinder bekommen das nebenbei mit. Lernen müsse man hingegen das Basiswissen und die Grundfertigkeiten, damit man später im Internet eine gute Auswahl treffen könne aus dem riesigen Informationsangebot. Um ein Beispiel anzuführen: Vielleicht erinnert man sich an Natascha Kampusch, die gekidnappt und jahrelang in einem Kellerverlies gehalten wurde, ohne dass sie Kontakt zur Außenwelt hatte. Aufgewühlt hat das pädagogische Milieu, dass Natascha bei ihrem Fernsehauftritt ihre Gedanken in präzisem, druckreifen Deutsch formuliert hat mit einem erstaunlichen Maß an Selbstreflexion und einem hohen Abstraktionsniveau, obwohl sie jahrelang keine Schule besucht hatte. Weiter erstaunte, dass sie nur zwei qualitätsvolle Medien benutzen durfte, den Kulturradiosender Ö1, der täglich 24 Stunden Information, Bildung, Musik, Literatur und Kunst berichtet und die österreichische Tageszeitung Standard. Im NZZ-Bericht hieß es weiter, dass dies Medien sind, deren Ziel nicht die Zerstreuung, die Unterhaltung und die kurzlebigen Sensationen des Boulevards sind, sondern sich auf das Wesentliche konzentrieren. Das ist eine zwar tragische Geschichte, aber ein eindrücklicher Hinweis, dass TV und Computer punkto Bildung nicht notwendig sind.
Kleinkinder brauchen keinen Computer; Primarschüler keinen eigenen, aber einen Zugang, wenn sie etwas für die Schule schreiben müssen. Jugendliche hingegen kommen heute sicher nicht mehr ohne PC aus. Aber auch hier gilt: Abmachungen treffen und klare Regeln und Zeiten aufstellen. Das Internet sollte für Kinder und Jugendliche auf jeden Fall nicht im Zimmer verfügbar sein, sondern bei einem offenen Durchgang, wo Eltern jederzeit Zugang haben oder sogar in einem Büro, wo sie anfragen müssen. Jüngere Kinder sollten nicht ohne Begleitung herumsurfen, und bei älteren Kindern und Jugendlichen kann man ab und zu die gewählten Internetseiten im Verlauf kontrollieren. Und selbstverständlich muss man mit den Kindern und Jugendlichen im guten Gespräch bleiben und regelmäßig auf die Gefahren aufmerksam machen, angefangen bei finanziellen Fallen über Gewalt- und Pornodarstellungen bis zu gefährlichen Internetbekanntschaften.
Internetzugang via Modem einschränken

Man kann den Internetempfang für bestimmte Zeiten unterbrechen z.B. abends ab 20 Uhr je nach Alter oder nur ein Fenster offen lassen zwischen 17 und 20 Uhr; es ist möglich, dies für verschiedene Benutzer einzurichten.
Drinnen Spielen Hier brauchen Kinder am besten einfaches Spielzeug. Am besten sind Klötze, Lego, Fishertechnik, Puppen, Autos, Tücher ..., welche Kinder zu kreativem Spiel anregen und woraus ganze Spielanlagen entstehen können. Kinder sollen basteln, werken und malen können. Es lohnt sich, eine Ecke einzurichten mit einem Tisch mit Wachstuch, wo ungestört gewerkt werden kann - mit einer Pinwand für selbst hergestellte Kunstwerke.

Bei jüngeren Kindern ist es sinnvoll, den Zugang nur für bestimmte Webseiten zuzulassen. Inzwischen greifen viele Firmen auf diese Mittel zurück, um den Konsum der Mitarbeiter einzuschränken. Eine US- Umfrage dieses Jahr ergab, dass die Mehrheit der Amerikaner etwa einen Fünftel der Arbeitszeit mit Schreiben persönlicher Emails und Online-Aktivitäten verbringt. Dies zeigt, dass sich auch Erwachsene nur schwer beschränken können, umso mehr gilt das dann für Kinder und Jugendliche. Fernsehen, Surfen im Internet oder Spielen am Computer sollten die Ausnahme sein; und wenn, dann als Alternative unter anderen Aktivitäten.
Körperliche und geistige Aktivität fördern

Gabriel Marcel, ein französischer Philosoph schrieb in seinem Tagebuch einen sehr treffenden Satz: "Wir sind nicht im Theater!" Wer vor dem Bildschirm sitzt, nimmt passiv am Leben teil. Dabei geht es im Leben nicht ums Zuschauen, sondern ums Mitspielen. Kinder sollen die Welt durch einen direkten Kontakt mit all ihren Sinnen erleben und erfahren. Heute fehlt vielen Kindern diese Primärerfahrung. Zehnder beschreibt es so: "Kinder sollen mit ihren Händen und Fingern Bilder malen. Die Schule sollte sich mehr um die Welterfahrung der Kinder sorgen, denn Frösche und Lehm, den Balzruf des Rotkehlchens und das Klopfen des Spechts, das kriegen viele Kinder nicht mehr mit." Die Kinder sollen also die Welt lieber mit Händen und Füßen und der Vorstellungskraft erforschen und nicht mit dem Computer. Und auf allen Alterstufen bleibt das Fördern der körperlichen wie auch insbesondere der geistigen Aktivität wichtig.
Der Zürcher Neurowissenschafter Lutz Jäncke betont, dass das Hirn nicht verwöhnt werden darf, sondern gefordert werden sollte: Die geistige Aktivität habe eine große Bedeutung und sei übrigens auch ein Schutz für geistige Gesundheit bis ins hohe Alter. Er nennt Musizieren, kultiviertes Tanzen und strategische Brettspiele als förderlich, nicht aber z.B. Kreuzworträtsel, die nur ein passiver Abruf einer automatisierten Tätigkeit sind und kein Nachdenken erfordern. Viele werden aus eigener Erfahrung bestätigen, dass man nach einer Stunde aktiver Denkarbeit müde ist, denn Lernen und Studieren kostet Kraft und Mühe. Jäncke betont, dass die Hauptsache sei, immer dranzubleiben und Neues zu lernen, so bleibe das Gehirn in Form: "Je länger sie das Ding stimulieren, desto länger arbeitet es." In der Zeitschrift Neurology im 2006 heißt es, dass Leute, die viel TV konsumieren, ein 20 % erhöhtes Risiko für kognitive Erkrankungen wie z.B. Alzheimer haben. Als Gegenmaßnahme wird vorgeschlagen "engage in active lifestyle", man solle ein aktives Leben führen mit vielen herausfordernden geistigen, körperlichen und sozialen Tätigkeiten.
Alternativen zum Bildschirmkonsum

Im Jahr 1950 hat kein Mensch Fernsehen geschaut und von Computer war keine Rede. Wir können uns fragen, was die Menschen an den Abenden und am Wochenende getan haben. Zusammenfassen könnte man es unter den oben genannten Stichworten: geistige, körperliche und soziale Tätigkeiten, was heute noch die Alternativen sind. Natürlich kann man Aktivitäten nicht so eindeutig zuteilen, da oft verschiedene Aspekte zusammenkommen.
Geistige Tätigkeiten

Kinder sollen angehalten und motiviert werden, ihre Hausaufgaben gerne und gut zu erledigen. Indem man sich interessiert und sich regelmäßig Schulstoff zeigen und erklären lässt, kann man den Kindern das Gefühl geben, dass sie das Lernen und Studium als etwas Sinnvolles und als Teil ihrer Freizeit anschauen und einplanen. Schön ist es, wenn Lesen zum täglichen Programm gehört, und ebenfalls das Musik machen.
Jäncke macht viel Werbung für die Musik; er berichtet von Studien, die zeigen, dass nach einem Jahr Musikunterricht der Intelligenz quotient um 8-9 Punkte höher war als ohne Musiktraining.

Soziale Tätigkeiten Dazu gehören Spaziergänge, Ausflüge, Familienfeste, Geburtstagsparties mit Spielen, Wettbewerben, Parcours und Olympiaden. Mit älteren Kindern sollte man viel Zeit investieren, um über Gott und die Welt zu diskutieren, das kann ganze Abende ergeben. Spannend ist es, wenn interessante Leute eingeladen werden und die Jugendlichen mitdiskutieren dürfen. Gepflegt werden sollten auch Brett- und Kartenspiele, welche vielmehr Gespräche zulassen als ein Abend vor dem TV. Das Bedürfnis nach Selbstständigkeit und Eigenbestimmung verwirklichen Jugendliche am besten, indem sie sich in Jugendvereinen oder Sportgruppen engagieren und Aktivitäten für jüngere organisie ren. Dies sind wertvolle Aufgaben, die ihnen die Befriedigung geben, etwas Sinnvolles in der Welt zu bewirken.

Bei der Musik gebe es Transfer-Effekte, da beim Üben gleichzeitig viele verschiedene Hirnregionen beansprucht werden. Dazu komme das Sukzessive-sich- hochkämpfen-Müssen für ein Ziel, das wertvoll ist und gleichermaßen Aufmerksamkeit, Selbstdisziplin und Leistungsmotivation fördert. Und diese Vielzahl an positiven Effekten gebe es wirklich nur bei der Musik.
Die Leseförderung ist besonders wichtig. In den Familien sollte eine richtige Lesekultur bestehen, was so beginnen kann, dass Eltern den Kinder Bilderbücher erzählen und später Kinderbücher vorlesen, bis die Kinder die ersten Bücher selber laut vorlesen können – was sie am besten und liebsten in Begleitung tun. Wenn die Kinder diese Gewohnheit entwickelt haben, werden sie Bücher verschlingen, und dann kann man gelegentlich einen gemütlichen Leseabend im Wohnzimmer verbringen – jeder mit seinem Buch. Ebenfalls macht das Lesen vor dem Einschlafen viel Sinn und kann zu einem richtigen Ritual werden. Dies gelingt, wenn Kinder zu einer bestimmten Zeit im Bett sein müssen, aber noch eine halbe Stunde lesen dürfen bis zum Lichterlöschen.
Körperliche Tätigkeiten

Spiel und Sport sind breit anerkannt. Jüngere Kinder sollten viel draußen spielen, herum- rennen, bauen, klettern und Fahrrad fahren, mindestens doppelt so viel Zeit wie sie vor dem TV verbringen. Manchmal genügt es, einen Spaziergang in den Wald oder an einen Bach zu unternehmen und die Kinder sich vergnügen zu lassen – Kindern fehlt es nie an Ideen. Ältere Kinder unternehmen gerne Fahrradtouren, gehen schwimmen, organisieren Fußball- und andere Ballspiele im Quartier. Kinder und Jugendliche sollen unterstützt werden, das Velo für den Schulweg zu benützen oder zu Fuß zu gehen, wenn immer möglich.
Gute Sendungen

Und für die Momente, wo der Fernseher eingeschaltet wird, sollten gute Programme ausgewählt sein. Zu unterstützen sind Sendungen oder Filme, die wissenswert sind oder künstlerische Werte haben. Warum nicht einmal einen Dokumentarfilm, eine Informationssendung oder ein Konzert schauen. Bei Filmen könnte der Maßstab sein: Erzieherisch Wertvolles, was pro-soziales Verhalten fördert, wo Tugenden vermittelt werden und was als gutes Vorbild wirkt. Das Wertesystem der Kinder sollte unterstützt werden: das Gute muss eindeutig gut rauskommen und das Schlechte als solches gekennzeichnet sein. Es genügt nicht, dass der Film eine schöne Stelle beinhaltet oder eine schöne Freundschaft gezeigt wird, das findet man in vielen Filmen; der Film soll als Ganzes wertvoll sein. Von diesen Filmen gibt es leider nicht viele, was den Konsum konsequenterweise schon einschränken müsste.
Es sollte Kindern, Jugendlichen und Eltern keine Zeit bleiben für TV, weil sie so viele interessante Alternativen haben, was sie viel umfassender fördert und sich positiv auf ihre Gesundheit, Intelligenz, Persönlichkeit, Motivation und auf ihre Familiengemeinschaft auswirkt. KINDER SOLLEN BASTELN, WERKEN UND MALEN KÖNNEN
Gemeinsam Videos sehen

Als kleine Anregung möchte ich beifügen, dass man auf- passen muss, dass bei Familien, die nur Videos schauen, die Filmabende nicht zu den alleinigen Höhepunkten der Woche werden, z.B. am Samstagabend. Warum nicht mal an einem Samstagmorgen oder einem Sonntagnachmittag einen Film schauen? Viele andere Unternehmungen können oder sollen zu gemeinsamen Highlights der Familie werden.
(Der Artikel von Esther Ziegler ist erschienen in: Familie und Erziehung 09/2007)
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Interessante Infos zum Thema Spitzer Manfred, 2005: Vorsicht Bildschirm, Klett-Verlag

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