Leseprobe - Wolfgang Bergmann: Gute Autorität (1)

 Gute Autorität (1)
Im folgenden präsentieren wir Ihnen einen inhaltlichen Querschnitt – eine Art Leseprobe. Im Gegensatz zur herkömmlichen Leseprobe, die sich auf einen bestimmten Abschnitt des Buches beschränkt und damit nur einen oder wenige Aspekte abdeckt, haben wir für Sie Kernsätze aus allen Kapiteln des Buches zusammengetragen und zu einem einheitlichen Ganzen verbunden. In der Absicht, die Hauptsubstanz des Textes über eine stark verdichtete Darstellung zu bannen, entstand eine Art verkleinertes Original. Der Text deckt sich, von geringfügigen, durch die Sache gerechtfertigte Umstellungen abgesehen, mit dem Wortlaut des Verfassers.
Die Leseprobe wurde erstellt von Markus Rüther
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«Schlecht erzogene Kinder sind unglückliche Kinder», schreibt Wolfgang Bergmann, einer der profiliertesten Kindertherapeuten Deutschlands in seinem Ratgeber «Gute Autorität – Grundsätze einer zeitgemäßen Erziehung». Aufgrund ihrer Orientierungslosigkeit erscheint den modernen Kindern alles gleichermaßen wichtig wie unwichtig zu sein, sie sind mutlos, müde und traurig. Und gleichzeitig maßlos in ihren Ansprüchen. Bergmann, vom Magazin Focus zum «Advokat der Kinder» gekürt, zeigt uns, mit welchem Erziehungsverhalten wir diesem Trend entgegensteuern können: «Kinder brauchen nicht mehr Druck und Grenzen, sondern Führung im positiven Sinn – sie brauchen Verlässlichkeit und liebevolle Fürsorge, sie brauchen gute Autorität.» Der Ratgeber ist im BELTZ-Verlag (www.beltz.de) erschienen und kostet € 12.90.
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Liebe und Autorität

Mit der Aufklärung wurde das mystische Weltbild auf den Boden der Naturwissenschaften gestellt und in die Hand menschlicher Verfügung gegeben: eine schockartige Neuorientierung, wir haben sie bis heute nicht vollständig verwunden. Früher fühlte sich jedes Familienmitglied einer übergeordneten Idee von Familie verpflichtet, heutzutage werden die Verhältnisse von Unsicherheit und Ungewissheit geprägt: Kein göttliches Gesetz waltet, keine übergeordnete Wertigkeit vermag eine so tiefe Bedeutung für sich zu beanspruchen, dass alle ihr wie selbstverständlich folgen. Die großen Moral-Gesetze verschwanden im Nichts.
Die Medien lenken menschliches Verhalten und Kommunikationen heute effektiver als Moralvorstellungen oder verinnerlichte Werte. In dem eiligen, zerrissenen Strom der Gegenwart haben wir tatsächlich nichts als uns selbst. Dennoch haben wir gute Chancen, gegen die Macht der Medien, gegen den Lärm der viel versprechenden Werbungen, gegen die Körperbilder der Mode, uns selbst, unsere Person und unser familiäres Leben durchzusetzen und für unsere Kinder verbindlich zu machen. Aber vielleicht ist diese Herausforderung für viele Eltern tatsächlich eine Überforderung, und sie greifen begierig nach liberalen, beschönigenden Konzepten – und scheitern damit.
Kindheit hat sich zum Negativen verändert

Kinder dürfen zwar heute freier und ungebundener leben als je eine Kindergeneration vor ihnen, aber sie wirken trotzdem seltsam unglücklich, ja «unheil». Die wachsende Gewaltbereitschaft unter Kindern, das weiterhin sinkende Einstiegsalter beim Drogenkonsum, die Entwicklung der Kinder- und Jugendkriminalität, die neue Teenie-Mode der Selbstverletzung, die Zustände in den Klassenzimmern unserer Schulen, die auf nahezu alle Bereiche überschwappende Welle von Regellosigkeit – dies alles ist Ausdruck eines tiefen und inneren Ungleichgewichts. Wenn so viele Kinder und Jugendliche betroffen sind, kann man kaum noch von Abweichung sprechen. Der Mangel an Aufmerksamkeit, der Verlust an Konzentrationsfähigkeit und wohl auch der Verlust an sozialem Verhalten ist in der modernen Kindheit ein übergreifendes kulturelles Phänomen.
Die Kindheit ist tiefgreifenden Veränderungen unterworfen. Schule und andere Institutionen tun sich schwer damit, diese Veränderungen zu berücksichtigen. Soziales Lernen spielt in unseren Schulen keine Rolle, die Leistungsaufforderungen werden immer rigider, die Lebendigkeit von Kindheit wird immer weiter eingeschränkt. Kindheit wird ortlos in unserer Gesellschaft. Vater und Mutter sind bisweilen die einzige Instanz, in der unsere Kinder Heimat und Geborgenheit finden; in früheren Gesellschaften hatten Kinder Alternativen zur Familie, Refugien, Rückzugsorte. Ihre eigenen Orte der Kindheit. Alles verloren. Freundschaften werden heutzutage je nach individuellem Interesse aufgerufen oder wieder abgesagt. Die alten Kindergruppen und Jugendbanden gibt es nicht mehr. Halten wir uns vor Augen, wie vielfach verloren diese Kinder sind, wenn ihnen dann auch noch der Orientierungs- und Haltepunkt «Eltern», wenn ihnen mütterliche und väterliche Autorität verloren geht. Ihre Beziehungsleere und Bindungslosigkeit wird total.
Moderne Autorität ist personale Autorität

Wer heute für Autorität plädiert, hat meist die Tugenden der Fünfzigerjahre vor Augen. Aber so löst man Erziehungsprobleme nicht. Kinder spüren, dass ihre von Medien und Informationstechnologie geprägte Zukunft in Bildung und Beruf mit den guten alten Werten und Moralsätzen nicht zu bewältigen ist. Autorität in einer modernen Welt ist weder sprunghaft noch unberechenbar, sie verwöhnt nicht und gibt sich nicht gereizt: sie ist verlässlich und dauerhaft; sie fördert die Bindung zwischen Eltern und Kindern und gewährt dem Nachwuchs Schutz. Moderne Autorität muss lebendig und liebevoll gelebt werden. Sie gründet nur auf der Liebe zum Kind und der Gelassenheit und Souveränität, die Vater und Mutter zuerst zu sich selbst entwickeln, um sie anschließend an ihre Kinder weiterzugeben. Kinder haben heute tausend und mehr Möglichkeiten, sich den Erziehungsversuchen der Eltern zu entziehen. Wir müssen sie von uns als Person, als «maß-gebende» Person überzeugen. Moderne Autorität folgt nicht irgendwelchen Moden oder Trends, sondern trägt ihre Verlässlichkeit in sich selbst. Nur solche Verlässlichkeit, die immer Lenkung, Leitung, überhaupt Eindeutigkeit im Verhältnis zum Kind ist, gibt dem Kind die Chance, sich mit der Stabilität zu «identifizieren», die personale Autorität darstellen kann. Ein Kind wird dadurch seelisch stärker.
Kinder brauchen Konflikte

Streit vermeiden und dauernde Harmonie herstellen – auf allen Ebenen ist dies in unserer Gesellschaft zu einem Kernpunkt menschlicher Beziehungen geworden. Für das Verhältnis von Eltern und Kindern ist diese Entwicklung fatal. Erziehung ist niemals perfekt. Wir möchten aber, und das ist der zentrale Fehler, mit unseren Kindern perfekt umgehen. Wir haben Angst vor dem Scherbenhaufen, den unzufriedene Kinder anrichten können. Wir spüren sehr wohl, dass unsere Kinder Autorität brauchen. Wir merken, dass ihnen Lenkung gut tut, dass sie ruhiger werden, wenn man ihnen klare Anweisungen gibt und diese durchsetzt. Alle Eltern machen diese Erfahrung, aber sie ziehen nicht die Konsequenz daraus. Warum nicht? Wir möchten ideale Lebensverhältnisse mit den Kindern haben. Autorität aber hat mit Spannung, Anstrengung, möglicherweise mit Konflikt zu tun. Wir vermeiden dies alles. Wir vermeiden damit letztlich ein wahrhaftiges Familienleben. Konflikte müssen ausgelebt, auch im Innern verarbeitet werden. Aufgeschobene Konflikte nehmen immer einen unguten Verlauf. Besser, man steht sie gleich durch! Konflikte sind ein hervorragender Lehrmeister. Die Seele eines Kindes kann ohne sie gar nicht reifen. Kinder brauchen jemanden, der über das Austragen des Konfliktes die Voraussetzung für die innere Auseinandersetzung bietet, einen Menschen, an dem und mit dem sie durch den Konflikt Halt finden können.
Kinder fordern Strenge!

Wir haben uns daran gewöhnt, kindliche Lebensfreude und Disziplin für zwei verschiedene, ja entgegengesetzte Dinge zu halten. Doch Sorge und Disziplin, Liebe und Gehorsamsforderung sind ein einziges, ursprüngliches Verhaltens- und Gefühlsensemble, das man nicht auseinander dividieren darf. Ein tiefer Mangel an Selbstverständlichkeit in den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern wird heutzutage offenbar. Viele Eltern haben ihre Erziehungsgewalt längst abgegeben. Dabei bieten nachgiebige Eltern ihren Kindern weder Halt noch Abstand zu den Alltagserfahrungen. Die Forderung nach kindlichem Gehorsam hat ganz viel mit elterlicher Liebe zu tun. Die kindliche Seele verlangt nach Ordnung und sogar Bestrafung. Nimmt man Kindern die Ordnung, die Klarheit der Regeln, dann nimmt man ihnen auch die Fähigkeit zur Differenzierung, vielleicht sogar die Begabung zum Mitgefühl.
Früher bestand das Problem darin, dass der individuelle Wille des Kindes erdrückt werden konnte, heute besteht das Problem darin, dass der individuelle Wille gar nicht recht ausgeformt wird. Unsere Kinder lernen, um es pointiert zu sagen, ihren Willen durchzusetzen, noch bevor sie überhaupt verstanden haben, was sie eigentlich wollen; sie lernen Selbstbehauptung, aber kein Selbstbewusstsein. Dabei wollen Kinder im Grunde genau das, was wir ihnen vorgeben. Ein wohlmeinender Erwachsener, der sagt, wo es langgeht, das ist, um es psychologisch zu sagen, ein «Identifikationsangebot»: Über die Identifikation mit dem Erwachsenen kräftigt es seinen Willen, es weiß jetzt, was es will. Das Kind spürt die Stärke, spürt Stabilität, die ihm zuwächst und fühlt sich sicher dabei. Kinder versuchen, ihre Wünsche auf vielfältige Weise durchzusetzen (lautstark, trickreich, charmant), aber einen stabilen Willen, der sozusagen ein beständiger Teil ihrer seelischen Verfassung ist, haben sie nicht. Er wird in späteren Reifungsphasen erworben.
(wird fortgesetzt)
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