Auf die Mutter kommt es an

Auf die Mutter kommt es an
Eine der führenden Zeitschriften für Erziehungswissenschaften stellte vor einiger Zeit die Frage, die früher sicher viele Menschen schockiert hätte: „Bedeutet es wirklich etwas, eine Mutter zu haben?“ Die Frage implizierte, dass eine Mutter keinen unverwechselbaren Beitrag zur Kindesentwicklung beitrüge und dass Kinder genauso gut von zwei fürsorgenden Erwachsenen aufgezogen werden könnten. Oder etwa nicht?
von Jenet Erickson - aus dem Englischen übertragen von Horst Niederehe
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Forschungsergebnisse zur Mutter-Kind-Beziehung

Der englische Forscher John Bowlby war der erste, der die einzigartige Mutter-Kind-Beziehung untersuchte, nachdem er ein durchgängiges Muster von Verhaltensauffälligkeiten als Folge von Beziehungsbrüchen und auf Grund psychopathologischer Forschungen an Erwachsenen nachwies. (Bowlby, 1944). Kindern, denen mütterliche Zuwendung im Babyalter über einen längeren Zeitraum versagt wurde, „zeigten wenig Gefühlsregungen, bauten nur oberflächlich Beziehungen auf und neigten zu feindlichen und antisozialen Tendenzen“, wenn sie in die Pubertät kamen. (Kobak, 1999, p. 23). Bowlby schloss daraus, dass die Bindung zwischen Mutter und Kind die gesunde soziale und emotionale Entwicklung des Kindes entscheidend beeinflusst und dass Mutter und Kind biologisch prädisponiert sind, dieses entscheidende Band zu knüpfen.
Margaret Ainsworth griff in der Forschung Bowlby’s Ideen auf und fand heraus, dass Mütter, die Bedürfnisse und Autonomie des Kindes bei der Erkundung seiner Umwelt positiv begleiteten, dem Kind das notwendige Gefühl von Sicherheit vermitteln, weil es erfolgreich ist. (Ainsworth, Blehar, Waters, & Wall, 1978) Wenn dieses Gefühl der Sicherheit durch Abwesenheit der Mutter, oder auf Grund mangelnder Empfindsamkeit gegenüber den kindlichen Bedürfnissen bedroht scheint, versucht das Kind, die Mutter-Kind-Beziehung wiederherzustellen. Ist dies nicht möglich, zeigt das Kind Zeichen von Depression, Angst und Aggression, womit die Fundamente für spätere soziale und emotionale Probleme grundgelegt werden. (Kobak, 1999; Sroufe, Carlson, & Shulman, 1993)
Neuropsychologische Untersuchungen der Entwicklung von Kinderhirnen lieferten zusätzliche Beweise, dass Mütter spezifische Fähigkeiten haben, die Stimuli, die sie auf das Kind übertragen, sensibel zu gestalten. Durch Einfühlung sind sie in der Lage, optimal positive Interaktionen auszulösen, die im Gehirn des Kindes ein geeignetes Verständnis von Emotionen und Beziehungen festigen. (Schore, 1994, p. 355)
Im Verlauf weiterer Forschungen in den folgenden Jahren wurde die Bedeutung der Mutter-Kind-Interaktionen als Voraussetzung stabiler Bindungen immer deutlicher. Eine Studie des National Institute of Child Health and Human Development’s (NICHD) zur frühen Kindesbetreuung wies nach, dass diese Interaktionen den bedeutendsten Einflussfaktor für die kognitive, soziale und emotionale Entwicklung des Kindes darstellen. (NICHD, 2003)
Das Besondere der Mutter-Kind-Bindung

Doch Mutter-Kind-Bindung findet nicht nur in der frühesten Kindheit statt. Mütter zeigen beständig die einzigartige Fähigkeit, Gespräche über Befindlichkeiten zu ermöglichen, sie hören aufmerksam zu, ermutigen und fragen nach, um Gefühlslagen wirklich zu ergründen. Für viele Mütter ist dies ein integraler Bestandteil ihrer Erziehungsarbeit. (Erickson 2005) Dies wird auch durch Forschungen von Barnes belegt, der herausfand, dass Kinder sich besonders wohl fühlen, wenn Mütter ihre Liebe durch Zuhören und anteilnehmendes Gespräch über Gedanken und Gefühle ausdrücken und, wo nötig, Grenzen aufzeigen. Heranwachsende, die angaben, mit ihren Müttern darüber zu sprechen, wo sie hingehen und was sie tun wollen, berichteten auch weniger häufig über Alkoholmissbrauch, Drogenkonsum, sexuelle Aktivitäten und kriminelle Handlungen. (Barnes, 2006) Andere Studien ergaben, dass akademische Erfolge und vernünftige Verhaltensweisen von Kindern dem Einfluss der Mütter zuzuschreiben ist, die durch intensive Gespräche, Zuhören und Beantwortung von Fragen Orientierung vermitteln. (Luster, Bates, Vandenbelt, & Neivar, 2004)
Mütter beeinflussen die Entwicklung auch durch Belehrung. Kognitive Stimulation und emotionale Hilfen der Mutter schaffen wichtige Voraussetzungen für intellektuelle und sprachliche Ausbildung. Indem sie das Kind anspricht, auf Objekte in seiner Nähe hinweist und diese benennt, setzt die Mutter kognitive Impulse, die Sprachfähigkeit und Intellekt des Kindes verstärken. (Tamis-LeMonda & Bornstein, 1989) In der weiteren Entwicklung stimuliert die Mutter durch Fragen oder Anregungen, die das Mitdenken des Kindes herausfordern, oder gibt begriffliche Hinweise zu Objekten, Vorgängen, Orten, Personen oder Emotionen. (Hubbs-Tait, Culp, Culp, & Miller, 2002)
Auch im Vorschulalter und darüber hinaus bietet die Mutter ihren Kindern kognitive Anregungen, z.B. wenn sie vorliest, Dinge erklärt, Hobbys fördert, mit ihnen eine Bücherei, ein Museum, ein Theater besucht, oder sie zu einer Lektüre oder zum Helfen im Haushalt ermutigt. (Votruba-Drzal, 2003) Dazu gehört auch der Einfluss der Mutter auf den Gesprächsverlauf beim Essen, bei Autofahrten, oder bei Spielen, die Kinder in konstruktive Prozesse einbinden und Werte vermitteln. Es wurde belegt, dass Kinder, deren Mütter offen die Risiken bestimmter Verhaltensweisen, wie sexuelle Kontakte, Alkohol-, Drogen-, und Nikotin-Konsum, ansprechen, sich weniger leicht auf solche Verhalten einlassen. (Guilamo-Ramos, et al., 2006) Hinzu kommt, dass Mütter, die ihre religiösen Überzeugungen weitergeben und ihren Kindern den Weg zum Glauben ebnen, höchst selten mit kriminellen Vorfällen bei ihren heranwachsenden Kindern rechnen müssen. (Pearce & Haynie, 2004) Die „Lehrstunden“ einer Mutter sind der Schlüssel, die Kinder auf ein erfülltes und engagiertes Leben vorzubereiten.
Die unverzichtbare Rolle der Väter

Die Mütter üben ebenso wie die Väter Einfluss aus, die ebenfalls ihre spezifischen und ebenso wichtigen Beiträge zur Erziehung leisten. Andrea Doucet’s Analyse zur Kinderbetreuung legt dar, dass Väter die Entwicklung ihrer Kinder in einer Weise fördern, die durchaus unterschiedlich zur mütterlichen Anregung ist, indem sie beim Spiel mit den Kindern Unabhängigkeit fördern, Problemlösungen anstreben und zu Risikofreude (in kindgerechten Grenzen) ermutigen. (Doucet, 2006)
Die Mutter beeinflusst die Art und Weise, wie der Vater sich in die Betreuung einbringt, wobei die Qualität der Beziehung der Eltern zueinander hier besonders bedeutsam ist. Die Väter, wiederum tragen zur Kindesentwicklung bei, indem sie die Mutter emotional und physisch unterstützen. Die Sorge des Vaters für seine Frau stärkt ihre mütterliche Empfindsamkeit und reduziert die Belastungen der Mutter.
Das wohl beste Argument gegen die Aussage, dass es auf die Mutter nicht ankommt, lieferte eine Gruppe allein erziehender Väter, die, gefragt, welche Ressourcen sie als Väter in einer idealen Welt gern sehen würden, eine Antwort gaben, die von den Herausforderungen der Elternschaft zeugt: „In einer idealen Welt gehören Vater und Mutter zusammen. Wir würden lügen, wenn wir behaupteten, dies sei nicht so. Wie kann es eine ideale Welt für Kinder geben, wenn es keine Mutter gibt?“ (Doucet, 2006, p. 215)
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Jenet Erickson ist Assistenz-Professor in der School of Family Life, an der Brigham Young University, Utah. Sie ist ebenso Mitglied des National Council on Family Relations und Mitglied und Gutachterin der Association for Research on Mothering. Dieser Beitrag wurde zuerst im Love and Fidelity Network blog veröffentlicht und erscheint hier, mit ihrer Erlaubnis.
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