Agnostizismus: Der wohl gefährlichste “Ismus”

 Der wohl gefährlichste “Ismus”
Neutralität ist unmöglich. Man muss sich entscheiden. Haben Sie schon einmal von der berühmten Wette des Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal, der im 17. Jahrhundert lebte, gehört? 
Wie stehen wir dazu? 
„Entweder Gott existiert, oder er existiert nicht. Verstand allein kann diese Frage nicht lösen. Der Blick über die Grenze des Todes ist dir als Mensch verwehrt. Am Ende deines Lebens wird eine Münze geworfen, die entweder Kopf (Gott), oder Zahl (kein Gott) zeigen wird, wenn sie fällt. Worauf wettest Du?“ Darauf der Agnostiker: „Darauf kann man nicht wetten“ Pascal: „Du kommst aber um die Wette nicht herum, denn du hast keine Möglichkeit, zu wählen. Du bist jetzt schon unweigerlich festgelegt.“
von Thaddeus J. Kozinski ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Wie Pascal richtig sagt, haben wir keine Möglichkeit zu wählen. Deshalb ist auch der Agnostizismus nicht wirklich eine Option, denn es ist uns in diesem Leben aufgegeben zu handeln, nicht nur zu denken; und alles Handeln ist entweder für oder gegen Gott.
Alle Aktionen sind entweder aus Liebe motiviert, oder eben nicht. (Natürlich sind hier nur absichtliche, bewusste und wichtige Handlungen gemeint; das Anziehen der Socken oder Niesen sind hier unbedeutend).
Wenn Gott DIE LIEBE ist, kann es jedoch keine wirklich neutralen Handlungen geben. Pascals Wette ist, zugegebenermaßen, nur ein erster Denkanstoß für Menschen, die wenig mehr als ein natürliches Interesse zur Selbstmotivation haben. Man muss schon noch etwas tiefer schürfen, doch verlangt dies keine profunden Kenntnisse der Philosophie.
Wenn man sich entscheidet, so zu leben, als existiere die Liebe nicht, muss man auch die Konsequenzen tragen: ein Leben ohne Liebe und ebenso das Leben nach dem Tod, ohne Liebe. Ob nun das Leben mit dem Tod endet, oder weitergeht, in beiden Fällen ist es ein Leben ohne Liebe, denn einerseits ist Unbewusstheit nicht Liebe und andererseits, wenn es denn doch ein Leben nach dem Tod gibt, wird man ernten, was man gesät hat: also keine Liebe in der jenseitigen Welt, wenn man sie im Leben nicht geschenkt hat.
Agnostizismus ist ein schlechtes Lebenskonzept; er ist wohl die törichteste aller Optionen. Dagegen ist Atheismus eine eher verständliche Haltung, wenn man damit die Auflehnung gegen scheinbar unnötiges Leid, etwa in der Haltung des Ivan, aus „Die Brüder Karamasov“ begründet.
Doch ist dies ein gewagter Protest, wenn er sich nicht in einen „guten Atheismus“ auflöst, der sich von allen Göttern und Idolen neuzeitlicher „Religionen“ lossagt, und schließlich zu einem festen Glauben an den „lebendigen Gott“ gelangt, der letztendlich unsere Menschlichkeit zum Übernatürlichen transzendiert. Mit diesem Gott, den „nie jemand geschaut hat“, kann man allerdings durch Gebet und Gottesdienst in innigen Kontakt treten.
Agnostizismus und Atheismus bedeuten jedoch im Letzten ein Zweifeln an der Liebe, mögen auch „vernünftige“ Gründe dafür ins Feld geführt werden. Dennoch ist, wie schon gesagt, Agnostizismus ein schlechteres Konzept als Atheismus, denn der bekennende und überzeugte Atheist erhält sicher mehr Gnade als der Laue, den Gott „ausspeien wird aus seinem Munde“. In der Schrift steht: „Der Narr sagt, es gibt keinen Gott.“
Vielleicht weisen überzeugte Atheisten ja eine falsche Auffassung von Gott zurück, die sie nicht als falsch erkennen können und werden hoffentlich eines Tages durch ihre Liebe zur Wahrheit, mit der sie die Ablehnung begründen, zur Erkenntnis Gottes gelangen. Diese Chance hat der Agnostiker nicht; er glaubt nichts und lehnt nichts ab. Er erinnert an Dante, der behauptet, dass er weder im Himmel noch in der Hölle willkommen sei.
Der Mensch glaubt nur an das, was seiner Natur ähnlich ist. Wenn jemand also – als Agnostiker- an der Liebe so sehr zweifelt, dass er durch sie nicht bewegt werden kann, trägt er sicher selbst auch keine Liebe im Herzen. Bewusste und entschiedene Hinwendung zum Agnostizismus ist die moralische, weniger die intellektuelle Entscheidung, ohne Liebe zu leben.
Der Wille bestimmt die Überzeugung, er ist nicht gänzlich an den Verstand gebunden, der ihm Kriterien vorgibt. Beide beeinflussen einander. Deshalb ist entschiedener und bewusster Agnostizismus eine schwere Sünde, die nicht durch Unwissenheit entschuldigt werden kann. Nur unüberwindbare Unwissenheit wird entschuldigt werden. Ein Fehlen an Liebe ist nie entschuldbar, wohl aber ein Mangel von Glaubensüberzeugung.
Hier kann sich der Agnostiker nicht herausreden. Um einen Beweis für die Liebe zu erhalten, verschmäht der Agnostiker die Liebe und weist Gott zurück. Genauso handelten unsere Stammeltern, als sie der Liebe Gottes misstrauten. Sie hatten keinen „Grund“ sie in Frage zu stellen. Sie waren die ersten Agnostiker. Die Konsequenzen wiegen schwer, denn wir, die Nachkommen, tragen alle an diesem Misstrauen Gott gegenüber mit.
Das scheinbar überflüssige Leid Unschuldiger scheint die beste Begründung, wenn es denn eine gibt, Gottes Liebe zurück zu weisen, bei Agnostikern, wie bei Atheisten.
Es ist –meiner Meinung nach- das beste Argument für Unglauben und Indifferenz. Und dennoch ist es falsch. Man sollte nie in die Abgründe starren, die unsere Sünden verursacht haben, sonst riskieren wir zu verzweifeln. Das Übel in der Welt ist nicht Gott anzulasten, als sei er irgendwie dafür im Letzten verantwortlich.
Statt dessen sollten wir unseren Blick auf Jesu Christi Leid und Tod am Kreuz richten, und uns an Ihn halten, mitten in den Übeln dieser Welt, die unsere Seelen ersticken, und die Schönheit der Liebe auslöschen wollen, die unsere Welt immer noch trägt.
Agnostizismus ist ultimative Dummheit und Schlechtigkeit, die Gott nicht nur zurückweist, sondern gänzlich ignoriert. Wäre ich Gott, so wäre mir diese Ignorierung mehr als alles Andere verhasst.
Thaddeus J. Kozinski ist Professor für Humanwissenschaftent und Philosophie am Wyoming Catholic College. Er ist Autor des Buches: The Political Problem of Religious Pluralism: And Why Philosophers Can't Solve It.
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